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Baurausch

Spanien betoniert seine Mittelmeerküste gedankenlos zu

Von Clementine Kügler

09. März 2006

Wer durch Spanien reist, wird immer wieder überrascht von der immensen Einsamkeit weiter Landstriche, von der Anmut einer Natur, die unter einem vollendeten Himmel Wälder, Felder und Steinwüsten vereint. Selbst in der Nähe stark besiedelter Zentren lassen sich noch weitgehend unberührte Landschaften und Buchten finden, und schon wenige Kilometer jenseits der großen Feriensiedlungen fühlt man sich mit dem Land allein. Das ist ein wunderbares Reiseerlebnis. Es könnte bald zur Rarität werden.

Denn in Spanien herrscht Boom. Kaum ein anderes Land in Europa hat ähnlich hohe Wachstumsraten bei Bevölkerung und Wirtschaft, wobei ein Großteil des Aufschwungs der Bauindustrie zu verdanken ist. Vor allem der Wohnungsbau läuft auf vollen Touren, doch in vielen Fällen sind die Immobilien nicht für Einheimische gedacht, sondern für Fremde, die vom Mittelmeerklima an die spanischen Küsten gelockt werden. Spekulanten und Konstruktionsfirmen haben zwischen Costa Brava und Costa del Sol ihr Dorado gefunden, allerorten entstehen Luxuskomplexe mit Golfplätzen, oft sind sie schon vor Baubeginn als Ruhesitze oder Zweitwohnungen an finanzkräftige Ausländer, darunter viele Briten und Deutsche, verkauft. Die Gemeinden freuen sich über die Steuereinnahmen und die entstehenden Arbeitsplätze zuerst beim Bau, dann im Dienstleistungssektor. Und wer wollte es diesen Orten verdenken, die weder auf Industrie noch auf Landwirtschaft zählen können, daß sie ihr Heil im Tourismus suchen, zumal das die Nachbarn ja auch tun.

Nachträgliche Legalisierung

Je flächendeckender das geschieht, um so unattraktiver wird aber das Ergebnis. Küstenstädte wie Benidorm und jüngst auch Alicante werden von wohlhabenden Urlaubern schon gemieden, weil sie rettungslos verbaut sind. Viele der neuen Projekte dürften zu einem ähnlichen Ergebnis führen. Ein Beispiel dafür ist schon heute Marbella. Die dreißigtausend illegalen Wohnungen, die dort mit einträglicher Duldung nicht nur des einstigen Bürgermeisters Jesus Gil y Gil auf städtische Grünflächen gesetzt wurden, sind größtenteils Spekulationsobjekte und für die andalusische Bevölkerung unerschwinglich. Der Gemeinde wurde vor kurzem die Kompetenz über die Verwaltung ihres Baulandes entzogen. Sie liegt jetzt bei der andalusischen Regionalregierung. Ob in Marbella mit dem Abriß einzelner Hochhäuser ein Exempel statuiert oder mit der nachträglichen Legalisierung der Macht des Faktischen das Wort geredet wird, ist noch offen.

Auch vor den Inseln macht der Betonboom nicht halt. In Andratx auf Mallorca wird mehr gebaut denn je, weil sich Gemeinde und Inselrat nie über die Änderung der antiquierten Bauvorschriften aus den siebziger Jahren geeinigt haben. Auf Ibiza wurden in ländlichen Gebieten ganze Siedlungen illegal hochgezogen. Anschließend widmete man den Boden in Bauland um. Auch die umstrittene Autobahn auf der Balearen-Insel hat wohl keinen anderen Zweck, als das Umland als bebaubar einstufen zu können. Auf Teneriffa fordern derweil verschiedene Umweltschutzorganisationen, daß die Europäische Union den geplanten Großhafen Granadilla nicht mitfinanzieren soll, da dieser die Artenvielfalt gefährde und der Ausbau des bestehenden Hafens weit weniger negative Folgen hätte.

Kannibalischer Kapitalismus

Die Region Valencia, die bisher immer noch Geld aus den Strukturhilfefonds der Union erhalten hat, wurde von Brüssel aufgefordert, ihre Baugesetze den geltenden EU-Normen anzupassen. Statt dessen hat die von der konservativen Volkspartei in absoluter Mehrheit geführte Regionalregierung ein neues Baugesetz beschlossen, das sich genausowenig an die europäischen Normen hält wie seine Vorgänger. Die Region Valencia ist ohnehin ein Spezialist im Umwidmen von landwirtschaftlichen Zonen in Baugrund. In Benicassim wurden auf diese Weise zwei Millionen Quadratmeter für einen Golfplatz und dreitausend Wohnungen gewonnen. Landbesitzer werden anschließend vor die Wahl gestellt, eine oftmals unerschwingliche "Urbanisierungsquote" zu zahlen oder sich mit einer Summe entschädigen zu lassen, die manchmal ein Hundertstel des Wertes ihres Grundes beträgt. Der galicische Schriftsteller Manuel Rivas spricht in diesem Zusammenhang von einem "kannibalischen Kapitalismus", weil die Besitzanhäufung von Lokalpolitikern und Spekulanten den Privatbesitz der kleinen Leute verschlinge. Doch auch Rivas muß eingestehen, daß die Spekulation nicht nur von rechten Bürgermeistern unterstützt wird - Gier kennt keine Parteigrenzen oder ideologischen Schranken.

Eine neue, kostenpflichtige Autobahn, die auf mehr als hundert Kilometer Länge parallel zum Meer die Küstenstädte Cartagena in der Provinz Murcia und Vera in der Provinz Almeria verbindet und ein bislang eher unzugängliches Gebiet erschließt, soll dreizehn Gemeinden aller politischen Couleur eine halbe Million Wohnungen bescheren. Die Bevölkerung von derzeit zweihunderttausend Menschen entlang der Autobahn würde sich verachtfachen. Statt mit zweihundert Fahrzeugen am Tag rechnet man mit zehntausend. Anlagen zur Entsalzung des Meerwassers machen die Erschließung erst möglich und werden von den Baufirmen gleich mitgeliefert. Im Falle des zehn Kilometer von der Küste entfernten Cuevas del Amanzora, das besonders weit hinausschießt und seine elftausend Einwohner langfristig auf fünfhunderttausend vermehren will, werden allerdings schon in der Planungsstufe Trinkwasserprobleme vorausgesagt.

Naturschutz ohne Schutz

Besonders eindrücklich zeigt sich im Naturschutzgebiet Cabo de Gata in Almeria, seit 1997 Biosphärenreservat der Unesco, welche umwälzenden Auswirkungen geldgierige Lokalpolitik haben kann. Der bis vor kurzem als unberührt geltende Strand von Algarrobico bei Carboneras etwa ist um einen Hügel reicher geworden. Seit 2003 wird dort an einem zweiundzwanzig Stockwerke hohen Hotelkomplex mit vierhundert Zimmern gebaut, der bis auf fünfzig Meter ans Meer heranreicht. Bevor Cabo de Gata 1987 zum Naturschutzpark erklärt wurde, galt das Grundstück am Strand als bebaubar. Diese Lizenz hat der sozialistische Bürgermeister von Carboneras gewinnbringend aus der Schublade gezogen. Und die Regionalregierung von Andalusien hat das Projekt nicht gestoppt, obwohl sie die Macht dazu gehabt hätte.

Auch das Umweltministerium in Madrid hat lange Zeit nichts unternommen. Jetzt will es nach einer Protestaktion von Greenpeace schnell handeln und den Teil des Hotels enteignen, der auf dem gesetzlich geschützten Uferstreifen steht. Da er hundert Meter breit ist, betrifft dies fast die Hälfte des Komplexes. Die erst vor kurzem offiziell gemachte Schutzzone von hundert Metern war seit 1995 im Gespräch, kommt also nicht so überraschend, wie im Rathaus von Carboneras geklagt wird.

Vielleicht ist es bezeichnend, daß der Begriff, der in vielen Sprachen mit Naturschutzgebiet übersetzt wird, im Spanischen nur "parque natural" oder "parque nacional" heißt, das Wort "Schutz" also darin nicht vorkommt. "Parques naturales", Naturparks, gibt es mehr als hundert in Spanien, sie unterstehen den Regionalregierungen, sollen landschaftlich reizvoll und weitgehend unberührt sein, schließen aber den Menschen und seine Interessen nicht aus. Diese Definition ist in einem Land, das den Umweltschutz nicht sonderlich schätzt, offenbar zu diffus.

Schnelles Geld

Eine Bürgerinitiative, die in Cabo de Gata für das Hotel und gegen die Enteignung durch Umweltministerin Cristina Narbona protestiert, nennt sich stolz "Carboneras für die Zukunft". Unter den Schlagworten Zukunft und Fortschritt verbirgt sich nach Meinung vieler Umweltschutzgruppen und Naturschutzverbände, die gegen den Bauboom protestieren, jedoch allzuoft die unnötige Zerstörung der Landschaft. Niemand verdenkt es einer Gemeinde, daß sie expandieren will. Aber das muß im Einklang mit der Umwelt, mit den Ressourcen und in natürlichen Proportionen erfolgen, nicht allein gelenkt von der Gier nach dem schnellen Geld der Spekulation.

Solange das Hauptproblem nicht gelöst ist, wird es allerdings keine Besserung der Situation geben: Ausweisung und Umwidmung von Bauland fallen ebenso wie der Wohnungsbau und die Naturschutzgebiete in die Zuständigkeit der einzelnen Regionen und ihrer Gemeinden, das Umweltministerium hat darauf keinen Einfluß. Es gibt keine zentrale Kontrolle. Jeder Bürgermeister macht, was er für richtig hält, und legalisiert sein Tun notfalls nachträglich selbst, sollte die Gemeinde von der Regionalregierung nicht die erforderliche Genehmigung erhalten.

Hoffnungsloser Kampf



Protestierende Bürger beißen meistens auf Granit. Eine landesweite öffentliche Diskussion findet nicht statt. Sie würde vermutlich erst dann entstehen, wenn die Immobilienblase platzen sollte und nicht nur unverkaufte Wohnungen und Bauruinen die einst vom in- und ausländischen Tourismus begehrten Landstriche säumten, sondern auch der Geldregen ausbliebe. Doch entgegen allen Voraussagen von Pessimisten steigen die Preise weiter und verkaufen sich die Objekte. Somit sind die vereinzelten Warnungen in den spanischen Medien, das Erbe künftiger Generationen nicht unter Beton zu begraben, im Augenblick noch ein genauso hoffnungsloser Kampf wie Don Quijotes Attacken gegen die Windmühlen.


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