Frankfurter Allgemeine Zeitung 19. Mai 2009




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Frankfurter Allgemeine Zeitung

19. Mai 2009

Nr. 115 S. 31


Kant hat dasselbe wie Kermani gelehrt

Endlich einmal gab es im Gespräch der Religionen mehr als Kompromissformeln von Gremien. Aber da

versagten die Lesekünste zweier Kirchenmänner.

Von Friedrich Wilhelm Graf

Im Streit um "Dominus Jesus", die Erklärung der Glaubenskongregation, dass allein die römisch-katholische

Kirche wahre Kirche Jesu Christi sei, suchte Karl Kardinal Lehmann im Herbst 2000 in blumigen Worten zu

beschwichtigen. Der "Welt am Sonntag" erklärte er, man müsse solche Lehrtexte im "größeren Zusammenhang

anderer römischer Verlautbarungen" würdigen. Es entspreche "guter theologischer Übung, Texte in ihrer ganzen

Dimension zu erschließen und auszulegen, sie einzuordnen". Allerdings "habe ich das Gefühl, dass die Kunst,

solche Dokumente angemessen und sinngerecht zu lesen, auch in unseren eigenen Reihen eigentlich immer seltener anzutreffen ist", fügte der Mainzer Bischof selbstkritisch hinzu.

Man darf dies nun als prophetische Einsicht preisen. Sein infamer Brief an Ministerpräsident Roland Koch, mit

dem er die Vergabe des Hessischen Kulturpreises an Navid Kermani hintertrieben hat, lässt keinerlei Bereitschaft

erkennen, einen anspruchsvollen religiösen Text in seiner "ganzen Dimension" zu erschließen. Auch die

theologischen Lesekünste Peter Steinackers, des einstigen Präsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und

Nassau, sind nur schwach entwickelt. Wer Kermanis Glaubensessays kennt, kann die von Lehmann und Steinacker

erhobenen Vorwürfe nur für gegenstandslos erklären.

Navid Kermani ist kein intoleranter Feind des Christentums, der dessen "Zentralsymbol", das Kreuz, verunglimpft,

sondern ein frommer muslimischer Religionsintellektueller, der seinen Gott auf ganz eigene Weise verehrt und

sich dabei einfühlsam auch den inneren Sinn christlicher Frömmigkeit zu erschließen sucht. Kein anderer unter

den wenigen muslimischen Intellektuellen im Lande hat seit Jahren vergleichbar kundig und verständnisbereit die

in sich spannungsreichen christlichen Symbolwelten ernst genommen. Kann dies den Herren Lehmann und

Steinacker entgangen sein? Eine Antwort fällt schwer. Denn entweder muss man ihnen einen erschreckenden

Mangel an theologischer Bildung oder aber einen durch Alterseitelkeit und Machtinstinkt genährten Willen zur

Denunziation eines deutlich jüngeren Gelehrten attestieren, der, im Unterschied zu den hohen geistlichen Herren,

ja keine einflussreiche Großorganisation, sondern nur sich selbst repräsentiert.

Kermanis Texte changieren oft zwischen religionswissenschaftlich informierter Glaubensanalyse und frommem

Bekenntnis. Wie viele christliche Gottsucher der Moderne schreibt er als behutsam Tastender, aber auch provokativ

Zuspitzender, um den Glauben der Väter in eigene Einsicht zu überführen. Großbürgerlicher Habitus spiegelt sich

in demonstrativer Unabhängigkeit und bisweilen stolzem Mut, die Anpassung an die verlogenen Konventionen

des "interreligiösen Dialogs" im Land der korporatistisch verwalteten Religion zu verweigern. Mit ihm zu reden

und zu streiten macht großen Spaß. Als Stipendiat der Villa Massimo hat dieser ebenso gebildete wie fromme

Autor nun neugierig die barocke Glaubenskunst des päpstlichen Rom erkundet, bisweilen begleitet von katholischen

Freunden.

Spiegelt seine Analyse von Guido Renis Gemälde "Die Kreuzigung" schockierende religiöse Intoleranz oder

"unversöhnliche Angriffe auf das Kreuz"? Nein, der muslimische Intellektuelle will dem Bild vom sterbenden

Christus gerade Lebenssinn abgewinnen. Er schreibt nichts, was nicht auch viele christliche Denker seit Hunderten

von Jahren gesagt haben. Harte Kritik von Christusikonen und Kreuzigungsbildern prägen die Konfliktgeschichten

der diversen Christentümer schon sehr früh. In den Bilderstürmen der Reformation zerstörten protestantische

Gotteswortgläubige Tausende von Christusbildern und Kruzifixen, weil sie in ihnen gotteslästerliche Idolatrie

sahen. Kierkegaard, Dostojewski und Tolstoi haben über die amtskirchlich autoritäre Verfälschung des

Christusglaubens ungleich härter geurteilt als Kermani, der Benedikt XVI. viel freundlicher würdigt als die große

Mehrheit der deutschen Katholiken.

Man wird von einem Kardinal keine innere Distanz zu volksfrommer katholischer Bildmagie, der Anbetung Christi

im Kreuzesbild, erwarten dürfen. Aber vom protestantischen Kirchenpräsidenten wünschte man sich schon ein

wenig gebildetes Verständnis dafür, dass "das Kreuz" ein polyvalentes, in der Christentumsgeschichte fortwährend

umstrittenes Symbol ist. Kermanis These, der Jude Jesus von Nazareth sei "nicht Sohn Gottes", haben zahlreiche

Theologen vertreten. Nun hat der Dogmatikprofessor Karl Lehmann die gelehrte Unterscheidung von

geschichtlichem Jesus und verkündigtem Christus 1985 zu einer "verhängnisvollen Alternative" erklärt, gegen die

große Mehrheit katholischer Neutestamentler. Aber dies gibt ihm nicht das Recht, einen denkenden Muslim zu

denunzieren, wenn dieser in subtiler Bildmeditation kirchliche Lehrformeln problematisiert - dogmatische

Deutungsmuster, die christliche Theologen seit mindestens dreihundert Jahren kontrovers diskutieren. Ich hatte

Kermanis Artikel an Theologiestudierende verteilt. Weil ich sie antichristliche Intoleranz lehren will? Nein, weil

seine Texte wunderschöne Beispiele für jene Fortschreibung des Glaubens sind, die Religionsforscher

Hybridisierung nennen, Übernahme von Symbolen der einen Religion in die Sinnbilder einer anderen, bezeichnen.

Kein anderes Problemfeld christlicher Lehre ist so umstritten wie die Soteriologie, die begrifflich

voraussetzungsreiche Lehre von der Heilsbedeutung Jesu Christi und seines Kreuzestodes. "Wahrer Gott und

wahrer Mensch", "eine Person mit zwei Naturen", Golgatha und leeres Grab sind wahrlich schwierige Themen.

Es ist intellektuell unredlich, wenn die einst Systematische Theologie lehrenden Herren Lehmann und Steinacker

so tun, als bewege man sich in der Christologie nicht in einem dicht verminten Feld ungelöster Probleme.

Nur ein Beispiel: Wer von Jesu Kreuzestod spricht, muss die Rede vom "Tod des lebendigen Gottes" (Eberhard

Jüngel) als christlich legitim anerkennen. Darf ein gottgläubiger Muslim dann nicht seine Schwierigkeiten mit

dem christlichen Symbolsystem bekunden? Am Karfreitag geht es um das definitive Ende der autoritären

Metaphysik vom allmächtigen Gott. "O große Not! Gott selbst liegt tot. Am Kreuz ist er gestorben; hat dadurch

das Himmelreich uns aus Lieb erworben" lautet die zweite Strophe eines ursprünglich katholischen Chorals, vom

Lutheraner Johannes Rist 1641 gedichtet. Vom genuin christologischen Sinn der Rede vom Tode Gottes hat Kermani

mehr erfasst als ein Mainzer Bischof, der, ich kann es nicht für wahr halten, am Karfreitag "das Kreuz verehrt".

Ich dachte bisher, dass für Christen nicht "das Kreuz", sondern der gekreuzigte Jesus lebenswichtig ist. Die

Erinnerung an seine Passion diente Christen immer auch dazu, ihre eigene Sterblichkeit zu reflektieren.

Kermani nimmt den Gekreuzigten ernst, indem er in Renis Christus den idealen Repräsentanten der sterblichen

Menschheit sieht: "jeder Tote, jederzeit, an jedem Ort". Kant, Hegel, Schleiermacher haben nicht anders gelehrt.

Auch ist radikale Kritik an der religiösen Verklärung barbarischen Leidens ein uralter Topos in den innerchristlichen

Deutungskämpfen um Jesu Heilstod. Vom "spekulativen Karfreitag" (Hegel), der geistigen Vergegenwärtigung des

einst Geschehenen zur Begründung menschlicher Freiheit, sollten habilitierte Theologen schon einmal gehört

haben. Allzu denkfaul agieren sie nun als Kirchenfürsten, wenn sie den Stachel des Negativen in Kermanis Text

nicht ertragen können. Selbst seine Behauptung "die katholische Vorstellungswelt erscheint mir heidnisch" ("Neue

Zürcher Zeitung" vom 9. Mai) entspricht nur altem reformatorischem Urteil.

Woher die episkopale Aggressivität gegen den muslimischen Intellektuellen? Kermani macht in seinen

Erfahrungsberichten aus dem katholischen Rom all jene innerchristlichen Konfliktlinien neu sichtbar, die man in

ökumenischer Konsensschummelei verdrängt. Auch demonstriert er durch glaubenssprachliche Kreativität, dass

vielen christlichen Theologen zu den eigenen Überlieferungen nur noch hohle Formelsprache, lebensferner

Klerikaljargon einfällt. Oder muss man die Episkopalintrige schlicht aufs Beleidigtsein zweier älterer Herren

zurückführen, die die intellektuelle Strahlkraft des Jüngeren nicht zu ertragen vermögen? Lehmanns Unterstellung,

dass Kermani noch kein relevantes Lebenswerk vorzuweisen habe, ist christlich ruinös. Ein Blick aufs "Ganze"

eines Menschenlebens steht selbst einem Kardinal nicht zu Gebote.

Und man wird die Jury fragen dürfen, was an Herrn Steinackers Lebenswerk denn kulturpreiswürdig ist: Das

biedere Kirchenfunktionärsgehabe? Die islamophoben Stereotypen in Vorträgen über "Absolutheitsanspruch und

Toleranz"? Die seit Jahren rituell wiederholte Kritik an Lessings Ringparabel und dem freien Geist der Aufklärung?

Gern behaupten deutsche Bischöfe, dass die Christen Religion und Politik ganz aufgeklärt getrennt haben, im

Unterschied zu den Muslimen. Deshalb müsse man ihnen durch interreligiösen Dialog demokratische "Werte"

vermitteln. Herr Steinacker wirft Navid Kermani vor, die "drei Grundsätze" im Gespräch der Religionen verletzt

zu haben. Der Vertreter der christlichen Mehrheit beansprucht die Definitionsmacht über Regeln des öffentlichen

Diskurses in Glaubenssachen. Und er merkt nicht einmal, dass er so nur alte Diskriminierung fortschreibt. Nirgends

kommt er auf die Idee, dass zwischen Mehrheit und Minderheit Macht asymmetrisch verteilt ist.

Im System der hinkenden Trennung von Staat und Kirchen wird diesen viel Macht eingeräumt. Nicht wenige

deutsche Kirchenführer machen davon gern Gebrauch. Eine irritierende Entwicklung lässt sich beobachten: Je

mehr die tiefe Glaubenskrise und die schleichende Erosion der beiden großen Volkskirchen sichtbar werden, desto

mehr setzen viele Kirchenführer auf Klerikalmacht. Aber die Politisierung tut dem Glauben nicht gut. Und durch

Arroganz der Bischofsmacht lässt sich der eklatante Mangel an Geistesgegenwart und intellektueller

Glaubwürdigkeit nicht überspielen.

Die offene Gesellschaft muss um der gleichen Freiheit aller willen Kirchenmacht wie die Macht anderer Verbände

demokratisch begrenzen, etwa durch Erzeugung von Öffentlichkeit. Weil Jesus Christus "Licht der Welt" ist, "treten

die Glaubenden . . . gegen jede Geheimpolitik und Geheimdiplomatie ein", hat Karl Barth über "Christengemeinde

und Bürgergemeinde" geschrieben. So hat es seinen guten theologischen Sinn, dass die arkanen Machtspiele der

hohen geistlichen Herren einmal transparent geworden sind. Herr Steinacker hat in dieser Zeitung zwar bestritten,

irgendwie Einfluss genommen zu haben. Aber will er den Leuten wirklich weismachen, ganz unabhängig von

Herrn Lehmann auf die Idee gekommen zu sein, den Preis nicht anzunehmen, wenn auch der unwürdige Herr

Kermani ihn erhält? Sollte ihm der Kardinal gar nichts von seinem Brief erzählt haben? Immerhin haben sie den

jungen Muslim in ökumenischer Komplizenschaft gemeinsam via Staatskanzlei bitten lassen, seinen inkriminierten

Text zu erläutern. Auch teilte der Kardinal dem Herrn Ministerpräsidenten mit, dass die Ehrung Kermanis eine

Zumutung für Herrn Steinacker sei. Woher nur wusste er dies?

Laut Homepage des Hessischen Landtages ist der Abgeordnete Roland Koch römisch-katholischer Konfession.

Als Ministerpräsident und Vorsitzender der Jury des Hessischen Staatspreises hat er der "Lehrmäßigen Note zu

einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben" entsprochen, die die

Kongregation für die Glaubenslehre 2002 veröffentlicht hat: Vorgaben des kirchlichen Lehramtes seien gerade in

religiösen und moralischen Fragen für katholische Politiker unbedingt verpflichtend. Zwischen Ostern und

Pfingsten, Auferstehungsfreude und Geistausgießung darf die Öffentlichkeit nun laut über diese Herren lachen.

Da lässt sich ein Provinzpolitiker, der so gern den ganz Starken, Trickreichen gibt, von zwei Spitzenklerikern als

Kirchenmaus vorführen. Und die Herren Lehmann und Steinacker gefährden nicht nur ihr persönliches Ansehen,

sondern werden nun gar dafür ausgezeichnet, dass sie großen integrationspolitischen Schaden angerichtet haben.

Aber nicht einmal das haben diese Lesekünstler gemerkt.


Friedrich Wilhelm Graf lehrt Systematische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Bildunterschrift: Kirchenfürsten sollten doch wissen, dass es für den Dialog aufs Fingerspitzengefühl ankommt:

Moritz Daniel Oppenheims Gemälde "Die Betrachtung der Ringe" aus dem Jahr 1845 übersetzt die Ringparabel

aus Lessings "Nathan der Weise" in die mit dem Gleichnis vom Vater mit den drei Söhnen und den drei identisch

aussehenden Ringen gemeinte interreligiöse Sphäre. Nur in der Praxis, im Wetteifer um die Veredelung der

Menschheit, so die Pointe der Parabel, lässt sich ermitteln, welche Religion die wahre ist: "Wohlan! Es eifre jeder

seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach!" Oppenheim ließ sich nicht taufen.


Foto AKG

Kastentext: Wer Kermanis Essays kennt, kann die von Lehmann und Steinacker erhobenen Vorwürfe nur für



gegenstandslos erklären. Der Muslim zeigt durch glaubenssprachliche Kreativität, dass vielen christlichen Theologen zu den eigenen Überlieferungen nur noch Klerikaljargon einfällt


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