Die Krise Lektion zum Kapitalismus




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Autor: Streeck, Wolfgang

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

28. September 2008

Rubrik: Wirtschaft, S. 38




Die Krise
Lektion zum Kapitalismus





Nicht die Krise ist das große Rätsel des Kapitalismus, sondern die Fiktion der Stabilität. Menschen können das schwer begreifen; denn sie brauchen Sicherheit und Heimat. Der Markt wird ihnen das nie gewähren.
Von Wolfgang Streeck

Erstaunlich, wie vielen die Krise erstaunlich vorkommt: als wäre sie die erste. Anscheinend gibt es Lektionen, die immer wieder neu gelernt werden müssen. Wer hat je behauptet, dass es Kapitalismus ohne Risiko und ohne Reue geben könnte? Wie kann man glauben, man könnte SUV, MP3-Player, Billigflüge nach Thailand, täglich frische Blumen aus Afrika und jährlich steigende Aktienkurse und Dividenden haben ohne kontinuierlichen Umsturz des Gewohnten, permanente Revolutionierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, immer schnellere Zirkulation immer größerer Mengen von Kapital über immer weitere Umwege?


Eigentlich wissen wir es doch: Der Kapitalismus ist das dynamischste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das die Menschheit erfunden hat. Stabilität gibt es in ihm nur als Wille und Vorstellung. Kapitalismus ist das unablässige Bohren hochmotivierter und hoch kreativer Individuen an sozialen Ordnungen, in die andere sich gerne einleben würden. Ruhe wird nicht gegeben, denn die größten Gewinne macht, wer etwas Neues, noch nie Dagewesenes macht: ein iPhone oder ein Zertifikat. Feiern wir nicht den kapitalistischen Unternehmer als den unkonventionellen Menschen par excellence, den größten Neuerer aller Zeiten, der uns alles gibt, was wir wollen, auch wenn wir nie geahnt hätten, dass wir es je wollen würden?
Historische Gewohnheiten in Finanzierung, Produktion, Verteilung und Konsum sind dem Unternehmer eine Herausforderung: Sie sind dazu da, hinter ihnen Möglichkeiten für Profite zu entdecken, die niemand vorher gesehen hat. Dasselbe gilt für Regeln aller Art: In ihnen, hinter und unter ihnen kann man finden, was andere, einschließlich derer, die sie erlassen haben, dort nicht einmal vermuten würden: ungeahnte Wege zu unerhörtem Gewinn.
Kapitalismus als soziale Ordnung ist durch und durch unwahrscheinlich: eine Ordnung, deren Wesen die unablässige Selbsttransformation ist. Für menschliche Wesen ist das schwer zu begreifen; sie wollen wissen, wohin sie gehören und wer sie bleiben können. Wandel als Dauerzustand ist unmenschlich. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir auch in den modernen Kapitalismus eine vormoderne Stabilität hineinphantasieren, die er nicht zu bieten hat. Als ob der Kapitalismus dafür erfunden worden wäre, dass wir es in ihm gemütlich haben! Selbst den Kapitalisten wird auf dem rasenden Karussell ihres Systems oft genug schwindelig. Kartelle aller Art sind Versuche, das Tempo zu drosseln und den auskömmlichen, normalisierten, mittleren und sicheren Profit an die Stelle des maximalen Profits zu setzen.
Aber so etwas hält nie lange. Damit das Rattenrennen wieder losgeht, bedarf es keines Beschlusses: Ein Einziger reicht, der im Alleingang mehr zu finden hofft als den Durchschnittsprofit, um die Latte für alle höher und immer höher zu legen. Und dem, der ausbricht aus dem Pulk, dem Raubtier mit dem stärksten Jagdinstinkt, winkt nicht nur Reichtum, sondern auch Ehre: Klassenverrat um des Gewinns willen dürfen selbst die Verratenen niemandem vorwerfen, weil das Ethos des Wettbewerbs das Einzige ist, das im Kapitalismus wirklich gilt.

Recipe for Disaster
Wie kann so etwas je funktionieren? Habgier als Garant der materiellen Reproduktion und Triebkraft des Fortschritts, Reichtum für Risiko und das Geld, das kollektivste aller Kollektivgüter, als Handelsware - ist das nicht genau das, was die Amerikaner ein recipe for disaster nennen, ein Rezept für Unheil? Das große Rätsel ist nicht, warum es Krisen gibt, sondern wieso zwischendurch etwas auftritt, das wie Stabilität aussieht. Vielleicht nur als Selbsttäuschung, als Fiktion, als kollektive soziale Konstruktion?
Hoffnungen auf Domestizierung des Kapitalismus waren immer verfrüht und werden es bleiben. Wir wissen mittlerweile, dass die fünfziger und sechziger Jahre, das „Goldene Zeitalter“ nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Sonder- und Glücksfall waren; trotzdem verwenden wir sie immer noch als Modell eines kapitalistischen Normalzustands. In der globalen Welt von heute wird aber die Versuchung für das Kapital unwiderstehlich, aus der Stallfütterung in national organisierten und regulierten Volkswirtschaften aller Art aus- und in die freie Wildbahn einer expandierenden Weltwirtschaft einzubrechen. Die Zeiten, als Unternehmen sich zufriedengeben konnten, wenn Regierungen ihnen versprachen, man werde die Kuh, die man melken wolle, doch nicht schlachten, sind vorbei; die Lockungen der Savanne sind zu groß geworden. Zwar nehmen die Risiken zu, aber die Gewinne auch, wenigstens für die Gewinner.
Und was heißt Risiken? Die einmal oben sind, können tief fallen; aber landen werden sie immer oberhalb von Hartz IV. Wenn der Schaden groß genug ist, räumen ohnehin andere auf: allen voran die so lange und vielleicht zu Recht für inkompetent erklärte Politik, die einspringen muss, wenn gescheiterte Banken die Bevölkerung als Geisel nehmen und mit einem schwarzen Freitag drohen. Auch das ist nicht neu, und staunen muss man eigentlich nur über das Staunen.
Kommt jetzt die Politik wieder? Sie war nie verschwunden; als Banker of Last Resort stand sie immer im Hintergrund bei Fuß, um die Verluste zu sozialisieren, wenn das Risiko der Großen zum Schaden für die Kleinen werden sollte. Demokratische Politik hat keine andere Wahl, als die Aristokratie der Finanzmärkte notfalls zu entschulden. Wer zulässt, dass die „fiktive Ware“ Geld (Polanyi) als Ware gehandelt wird, muss für die Konsequenzen aufkommen: Die Rettung der Banken ist Sozialpolitik für die Banker, vor allem aber für die Bürger. Nun ist wieder die Zeit für Staaten, Zentralbanken und internationale Organisationen, neue Regelwerke zur Kontrolle der Finanzmärkte zu erfinden. (Wenn sie in ein paar Jahren zu sehr den Profit deckeln, wird man sie unauffällig zu lockern wissen.) Der Bürger, Alternativen hat er nicht, wird es hoffnungsvoll begrüßen. Diejenigen, die die neuen Regeln kreativ anwenden, das heißt legal und gewinnbringend umgehen werden, mit neuen, staunenswerten Methoden, denen der Verstand schlecht bezahlter Aufsichtsbeamter so lange nicht gewachsen sein wird, bis es wieder mal zu spät ist, werden gerade jetzt an der Harvard Business School ausgebildet, um nächstes oder übernächstes Jahr für ein Anfangsgehalt von 250000 Dollar ihre produktive Tätigkeit aufzunehmen. Zehn Jahre später, ungefähr, werden sie dann ihren Job getan haben, kann eine neue Rettungsaktion beginnen.

Auch die Politik ist schuld
Weder ist der Kapitalismus in den Vereinigten Staaten am Ende, noch triumphiert das „europäische“ oder „rheinische Modell“. Liberalisierung und Internationalisierung sind auch in Europa weit fortgeschritten, ein Zurück gibt es nicht; dafür sorgt schon die Europäische Kommission. Auch der „rheinische“ Kapitalismus ist vor allem Kapitalismus. Dieselben Politiker, die zur Stärkung des Finanzstandorts die Kapitalmärkte liberalisiert haben, was das Zeug hielt, geißeln heute dieselben Banken, denen sie noch vor kurzem rote Teppiche ausgelegt haben.
Auch die Politik hat übrigens nach Kräften am Rad mitgedreht. Öffentliches Eigentum musste privatisiert werden, um die wachsenden Defizite in den Staatshaushalten zu verdecken; damit man die Telekom für teures Geld an den kleinen Mann oder die kleine Frau bringen konnte, brauchte man gut geölte Kapitalmärkte und hochtrainierte Investmentbanken. Auch ein Beitrag der Landesbanken zur Deckung der laufenden Staatsausgaben, je höher, desto besser, war sehr willkommen; so ging man gemeinsam an den New Yorker Geldbrunnen, bis der Krug zerbrach.

Der Blick in den Abgrund
Rational ist das alles nicht. Guter Glaube, Optimismus, Gottvertrauen, aber auch Spieltrieb und Abenteuerlust werden gebraucht, damit der moderne Kapitalismus den Eindruck erwecken kann, als sei er eine Gesellschaftsordnung. Auch Politik wird in diesem System gebraucht, vor allem, um für Vertrauen zu sorgen. Ohne Vertrauen geht es nicht in einem System permanenter Innovation. Innovation ist nicht vorhersagbar. Alles, was wir über die Zukunft wissen - so der große Keynes -, ist, dass sie vor uns liegt. Liberalisierung des Kapitalismus bedeutet mehr Innovation und damit weniger Vorhersagbarkeit: eine Beschleunigung unserer gemeinsamen Reise in eine unbekannte Zukunft, die wir erst kennen, wenn sie zur Gegenwart geworden ist.
Dazu muss man uns Mut machen. Während das geübte Ohr hört, wie unten im Keller die Kreativen an den Fundamenten bohren, scherzt der Finanzminister vor den Fernsehkameras. Sagt er die Wahrheit, wenn er uns versichert, alles sei unter Kontrolle? Der Irrsinn ist: Wir wollen das nicht wissen. Vielleicht hat er soeben in den Abgrund geblickt. Aber gerade dann erwarten wir von ihm, dass er die Contenance behält und uns anlügt, um uns davon abzuhalten, in die Panik zu verfallen, in die wir wahrscheinlich vernünftigerweise verfallen sollten. Obwohl wir wissen, dass seine Scherze beides bedeuten können, Rettung wie Abgrund, machen sie uns Mut. Der Minister als Schamane, der stellvertretend für uns das Grauen ins Auge fasst, das wir nicht ertragen können, bevor er uns gesundbetet.
Und wir glauben ihm gerne. Der Kapitalismus gehört längst nicht mehr nur den Kapitalisten; aus den ausgebeuteten Massen des 19. Jahrhunderts sind willige Kollaborateure und hoffnungsvolle Profiteure geworden. Dabei passieren die seltsamsten Dinge. Man braucht einen Sinn für absurden Humor, um zu verstehen, was aus dem Kapitalismus geworden ist. Wir kaufen Aktien von Unternehmen, die sich zum Shareholder Value bekennen, und missbilligen es, wenn sie ihre Belegschaft verkleinern, um das zu tun, was wir von ihnen erwarten: unser Kurs-Gewinn-Verhältnis verbessern.
Als Investoren und Konsumenten setzen wir die Unternehmen unter Druck, die dann uns als Arbeitnehmer unter Druck und am Ende gar frei setzen.
Zu den Erstaunlichkeiten der Gegenwart gehört, wie schnell Menschen umerzogen werden können. In der kurzen Zeit der Stabilität nach dem Krieg galt als ausgemacht, dass die Wirtschaft an die Lebensweise der Menschen angepasst werden muss. Berechenbarkeit und Langfristigkeit waren die Gebote der Stunde. Mittlerweile haben wir akzeptiert, dass wir unser Leben nach den Wechselfällen des Marktes ausrichten müssen. Wir sind flexibel geworden, damit die Unternehmen flexibler werden konnten. Wir leben nach der Uhr, wie Webers Mönche im Mittelalter und die Kapitalisten im Frühkapitalismus. Das Leben der Familien, wenn es solche noch gibt, ist durchgerechnet bis auf die Minute, damit es in die Lücken das Marktes passt. Dass wir das schaffen, dass wir den Stress bewältigen, dass wir marktfähig und marktgängig sind, erfüllt uns mit Stolz. Wir zeigen unsere Flexibilität vor und verlangen sie auch von anderen - und versichern uns gegenseitig mit freudiger Ironie, dass nur eins schlimmer ist als vom Kapitalismus ausgebeutet zu werden: von ihm nicht ausgebeutet zu werden.
Wie gesagt, rational ist das alles nicht. Im Kapitalismus mitzumachen sollte als Risikoverhalten eingestuft werden wie Rauchen oder Unsafe Sex. Oder als Risikosport wie Drachensegeln. Wir lesen auf der Packung, dass Rauchen tödlich ist, und stecken die nächste Zigarette an. Ist Kapitalismus vielleicht eine Suchtkrankheit? Wir hören von 1929 und denken: Was hat das mit uns zu tun?

Kapitalismus als Sucht
Um bequem am Abgrund zu leben, braucht man ein kurzes Gedächtnis, und daran fehlt es wahrhaftig nicht. Das einzig Rheinische am Kapitalismus dürfte sein, dass er nur funktionieren kann, wenn Paragraph 3 des Rheinischen Grundgesetzes allgemeine Maxime des Handelns bleibt: Et hätt noch immer god gegange. Damit wir das beim Rauchen nicht mehr denken, bedarf es der geballten Anstrengung einer Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Eine Bundeszentrale, die sich um unser Risikoverhalten im kapitalistischen Kasino kümmert, gibt es nicht.
Das Rätsel bleibt: warum ein System, das so unwahrscheinlich ist wie der moderne Kapitalismus, nicht längst wieder in eine Krise geschlittert ist wie Anfang der dreißiger Jahre. Seit den siebziger Jahren leben wir in den Ruinen der Zivilisation von Bretton Woods, deren Gebäude wir als Steinbrüche für unsere kümmerlichen institutionellen Behausungen verwenden. Leben wir in einer zweiten Spätantike, und ist unsere Zeit vielleicht nur ein langsames Abrutschen in ein neues Frühmittelalter? Haben wir, in anderen Worten, nur ein paar Jahrzehnte geschenkt bekommen?
Unwillkürlich erinnert man sich an den Kalten Krieg. Heute können wir nachlesen, wie das System der nuklearen Abschreckung immer wieder kurz vor der Katastrophe stand, aus den nichtigsten Anlässen. Wir haben es nicht gemerkt, oder wollten und sollten es nicht merken. Was hätten wir auch tun sollen? Es stimmt, dass die Manager der Mutually Assured Destruction (MAD) aus jeder der Krisen, die sie uns verheimlicht haben, etwas für die nächste gelernt haben. Aber wir können nicht wissen, ob das auf die Dauer gereicht hätte. Es ist gutgegangen, aber beunruhigend ist, dass man eigentlich nicht weiß, wieso. Wir lernen daraus, dass Menschen in der Lage sind, auch reinen Wahnsinn und absolutes Hasardeurtum für völlig normal und vernünftig zu halten, und dass sie damit tatsächlich eine Zeitlang, mindestens, durchkommen. Das ist tröstlich - und dann doch wieder alles andere als das.
Noch einmal, zum Merken. Im Kapitalismus geht es um Maximierung, nicht um Normalisierung des Gewinns. Kapitalismus ist keine Ordnung, sondern institutionalisierte Unordnung. Nicht Stabilität ist zu erwarten, sondern Wandel als Dauerzustand; nicht Kontinuität, sondern überraschendste Diskontinuität; nicht business as usual, sondern grenzenlose Kreativität im Ausnutzen auch der entlegensten Möglichkeit, aus dem, was man hat beziehungsweise was andere haben, noch mehr, immer mehr herauszuholen. Weiter, immer weiter! The sky is the limit.

Krisen kommen wieder
Maximierung verlangt Kreativität, nicht Routine. Kreativität zerstört. Zerstörung aber ist riskant, für den, der zerstört wird, aber auch für den, der zerstört. Risiko, wie alles im Kapitalismus, ist ungleich verteilt. Ist die Zerstörung groß genug, werden die Verluste sozialisiert. Regeln gibt es, immer wieder neue, aber jede Regel kann man schöpferisch umgehen, und ihre Umgehung kann sich sehr lohnen. Wird wieder Ruhe einkehren? Ja, bis zur nächsten Krise. Unser Leben ist kurz genug, um uns die Abstände zwischen den Krisen als Zeiträume erscheinen zu lassen, in denen wir uns zeitweilig einrichten können. Wie wird die nächste Krise aussehen? Das weiß keiner. Wer das Gegenteil behauptet, hat in ihre Reaktion wahrscheinlich schon investiert.
Wolfgang Streeck ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und Professor für Soziologie an der Universität Köln.

Bildunterschrift: „Das ist keine Lösung – das ist Finanzsozialismus, und es ist unamerikanisch“, schimpfen die politischen Gegner über den 700-Milliarden-Dollar-Plan von Bernanke und Paulson. Der Finanzminister appelliert am Mittwoch an die Abgeordneten: „Die Entscheidung, die Sie treffen oder nicht treffen, wird bedeutsam sein.“


Fotos AFP

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