Bildungsplan 2004




Дата канвертавання27.04.2016
Памер102.43 Kb.


Bildungsplan 2004

Allgemein bildendes Gymnasium



Umsetzungsbeispiel für Latein

Europa als Leitidee des lateinischen Lektüreunterrichts
- Karl der Große -


Dr. Rainer Klimek-Winter

Karls-Gymnasium Stuttgart

Dezember 2005





LANDESINSTITUT FÜR SCHULENTWICKLUNG

Im Rahmen der Entwicklung eines eigens ausformulierten Latein-Curriculums für das Karls-Gymnasium in Stuttgart ist für die Lektürephase des Lateinunterrichts ein verbindlicher Kanon von Themen und Werken formuliert worden.

Die Orientierung des Curriculums am Leitgedanken Europa ist vor dem Hintergrund der Legi­timation des Unterrichtsfachs Latein und seiner Inhalte im Kontext des gegenwärtigen Bildungs­diskurses entstanden.1

Neben dem Überblick über dieses Curriculum für die Lektürephase soll außerdem anhand einer konkreten Gelenkstelle des Kanons die Möglichkeit gezeigt werden, wie Teile davon im Unter­richt umgesetzt werden können.





  1. Latein am Karls-Gymnasium – Europa als Leitidee

Histo-

rische Gelenk-stelle


Späte Römische Republik

Auguste-ische Zeit

Spätantike und frühes Christentum

Frühes

Mittelalter

Hoch-mittelalter

Renaissance und Wende zur Neuzeit

Beginn der neuzeit-lichen Wissen-schaft

Lektüre


Caesar, der ‚Kaiser’;

Cicero als Zeitgenosse Caesars;

Augustus,

Erbe Caesars



Texte zur/der auguste-ischen Klassik (Ovid, Vergil, Exempla des Livius)

Texte zum frühen Christentum: Benedikt von Nursia; Sulpi-cius Severus;

Lateinische Rechtstexte



Karl der

Grosse


(Einhard,

Notker


Balbulus, Annales),

Legenda


Aurea

Texte zur

ma. Universität: Archipoeta, Abelardus, Thomas



Petrarca,

Pico della Mirandola; Kolumbus, Vespucci



Texte der modernen Wissenschaft (Kepler, Kopernikus, Newton, Euler)

Ge-sichts-punkt

Die historische ‚Gelenk-funktion’ der Person Caesars

Die klassische Latinität als Muster eines Lektüre-kanons

Christentum als Lebensform; Transforma-tion des antiken Erbes zum Bildungsgut schlechthin

Die Erneue-

rung des Imperium Romanum:

Zufall oder Notwendig-

keit?


Universitas

und


Universität

Der neue Mensch und die neue Welt: Öffnung des Horizonts

Die Entdeckung der Natur-(gesetze)

Europa-bezug


Durch die Eroberung Galliens/ ‚Entdeckung’ Britanniens schafft Caesar die Voraussetz-ungen für die

Idee von

Europa


Entstehung der den europä

ischen Bildungs-

kanon formieren-den Literatur als konse-quente Rezeption des Paradigmas der Griechen


Präfiguration von Europa als christlicher Oikumene und als Rechtsgemein-schaft römischen Vorbilds

Europäisches Einheits-

bewusst-


sein der latein-sprechenden Bildungselite

Europa in kultureller Homogenität bei beginnender politischer Differen-zierung

Entstehung des modernen europäischen Menschen-bilds; Bewusst-werdung einer kulturellen europäischen Identität; Europa als Exportmodell, Ende des politisch ‚einheit-lichen’ Europa

Europa als transnationale communitas der Wissenschaft (Latein als Medium wissenschaft-licher Kommuni-kation)

Die tabellarische Übersicht weist in Auswahl die historischen Gelenkstellen aus, an denen sich der Europa formierende Rückbezug auf die Antike ereignet hat, nennt aus der Literatur dieser Zeit wichtige und für die schulische Lektüre geeignete Texte, die sowohl für die jeweilige Zeit als auch für die Situierung innerhalb der Rezeption der Antike stehen, nennt die Gesichtspunkte, unter denen die entsprechenden Texte zu lesen wären und beschreibt, inwiefern sich innerhalb dieser Literatur die allmähliche Formierung Europas nachzeichnen lässt. 2




  1. Texte zum Lektüreprojekt Europa als Leitidee des lateinischen Lektüreunterrichts


Karl der Große
Bildungsplanbezug
In den Leitgedanken:

Dabei werden alle Lebensbereiche der Antike und deren Fortwirken in Mittelalter und Neuzeit mit einbezogen. Insofern erschließt der Unterricht die Wurzeln und die verbindenden Elemente der europäischen Kultur, vermittelt ein Verständnis für fremde Vorstellungswelten und Verhaltensweisen, erleichtert die Orientierung in der Gegenwart [...]


In den Kompetenzen und Inhalten:

Die Schülerinnen und Schüler sind in der Lage



  • zunehmend selbstständig mit einem Wörterbuch zu arbeiten;

  • ihre Kenntnisse im Bereich der Verbal- und Nominalformen bei der Arbeit am Text anzuwenden;

  • zunehmend selbstständig eine Grammatik zu benutzen;

  • ihre Kenntnis der syntaktischen und semantischen Funktionen von Spracheinheiten (Einzelwörter, Wortgruppen, Gliedsätze) zur Analyse von Texten einzusetzen;

  • Originaltexte zu erschließen, zu strukturieren, kursorisch zu lesen und zusammen zu fassen, zu übersetzen, zu interpretieren [...];

  • bei der Erarbeitung eines Sachthemas ein Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu sehen, Zusammenhänge herzustellen und sich dabei in vernetztem Denken zu üben;

  • selbstständig Gruppen-, Partner- und Einzelarbeit zu organisieren.

Die Schülerinnen und Schüler verfügen über Grundkenntnisse in den Bereichen Politik, Ge­schich­te, Religion und Kunst. Sie kennen den Einfluss der Römer auf die Geschichte und Kultur Europas.

Lektüregesichtspunkte
Karl der Große ist für die Herausbildung eines europäischen Gemeinschaftsbewusstseins von großer Bedeutung; sein Reich umfasste die Kernländer des modernen Europa, Italien, Frank­reich, Benelux und Deutschland, auf Karl als „den ersten Europäer“ beruft sich immer wieder die moderne Politik.
Der lateinische Lektüreunterricht befragt die moderne Indienstnahme Karls, indem zwei wesent­liche Gesichtspunkte seiner Herrschaft in verschiedenen zeitgenössischen Quellentexten zur Dis­kussion gestellt werden:


        • Die Erneuerung des Imperium Romanum

        • Die Formung einer Latein sprechenden Bildungselite in der karolingischen Renaissance

Der Unterricht erarbeitet auf verschiedenen methodischen Wegen die einzelnen Quellentexte. Der richtige Gebrauch eines modernen Schulwörterbuchs wird im Unterricht systematisch eingeübt. Grammatikschwerpunkte bei der Lektüre liegen im Bereich des zielgerichteten Erkennens von Deklinationsausgängen und der Wiederholung der nd-Formen. Die Erarbeitung eines speziell mittelalterlichen Vokabulars halte ich für wenig sinnvoll.



Die Texte
1. Zur Kaiserkrönung Karls des Großen:


  1. In der Annalistik: Text 1: Annales regni Francorum

Text 2: Annales Maximiniani

Text 3: Johannes Diaconus, Gesta


episcoporum Neapolitanorum

  1. In der Karlshagiographie: Text 4: Notker Balbulus, Gesta Karoli Magni

Text 5: Einhard, Vita Karoli Magni

2. Zur Bildungsreform Karls des Großen:


  1. Das Problem: Text 1: Bonifatius-Brief.

  2. Die Lösung:

    1. Grundsätzliche Anordnung: Text 2: Admonitio generalis

Text 3: Epistola de litteris colendis

    1. Spezielle Maßnahme: Text 4: Ademar, Historiae

Text 5: Notker Balbulus, Gesta Karoli Magni

    1. Karls eigene Bildungsbemühungen: Text 6: Einhard, Vita Karoli Magni



Der Unterricht


  • Ziele: Kennen lernen relevanter Quellentexte für die Erneuerung des weströmischen Kaisertums und der Herausformung eines lateinischen Mittelalters.

  • Arbeitsformen: Die Lektüre der Quellentexte kann sowohl frontal als auch dezentral in Gruppen- oder Partnerarbeit erfolgen.

  • Methodische Gesichtspunkte: Neben Lektüre lateinischer Originaltexte bietet sich auch das Heranziehen nichtlateinischer populärer oder wissenschaftlicher Sekundärtexte an (Beispiel: Fuhrmann, Bildungsreform); zum Thema gehörige Zusatzinformationen wurden durch Schülerreferat oder GFS-Arbeit bereitgestellt.

  • Didaktische Gesichtspunkte: Die mittelalterlichen Texte sind von der Schwierigkeit für die Jahrgangsstufen 9 und 10 geeignet.


Konkretisierungsbeispiele


  1. Kaiserkrönung Karls des Großen

    1. Erarbeitung eines Erwartungshorizonts:

z.B. durch Lektüre von Matthias Becher, Karl der Große, München 2000, 13: „Das Fest der Geburt Jesu im Jahr 800: Am Morgen des Weihnachtstages betrat Karl der Große St. Peter in Rom, um an der dritten Weihnachtsmesse teilzunehmen, die der Papst dort nach altem Brauch feierte. Liegend betete man die Oratio. Als Karl sich erhob, nahm Leo III. eine Krone und setzte sie dem Frankenkönig aufs Haupt. Den anwesenden Römern war die Bedeutung dieser Handlung sogleich bewusst, denn sie akklamierten Karl als Kaiser, indem sie dreimal unter Anrufung der Heiligen riefen: ‚Carolo augusto, a Deo coronato magno et pacifico imperatori, vita et victoria! – Karl, dem Augustus, dem von Gott gekrönten großen und Frieden stiftenden Kaiser, Leben und Sieg!’ Nach altem Herkommen ehrte der Papst den neuen Kaiser mit einem Fußfall.

Die Ereignisse des Weihnachtstages 800 waren spektakulär und hatten weitreichende Folgen. Damals wurde das mittelalterliche Kaisertum gegründet, das in Form des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bis zum Jahr 1806 fortbestehen sollte.“

Erarbeitungsschritte:

- Text wird vervielfältigt den Schülern ausgehändigt und gelesen;

- Beschreibung des von Becher geschilderten Ereignisses;

- Besprechung der Frage nach der Bedeutung dieses Ereignisses nach Becher;

- Formulierung einer zusammenfassenden Einschätzung der Kaiserkrönung

- Festhalten im (Lektüre-)Heft.




    1. Erarbeitung der Quellen

- in Arbeitsgruppen werden die Texte 1 bis 3 übersetzt

- die Übersetzungen werden in der Unterrichtsgruppe vorgetragen und korrigiert

- die Darstellung der Kaiserkrönung in den drei Texten wird verglichen (z.B. in Partnerarbeit mit anschließendem Austausch und Festhalten der Einzelergebnisse an der Tafel/auf Folie/auf einem Plakat); der Vergleich wird durchgeführt anhand einer Vergleichstabelle:





Annales Francorum

Annales Maximiniani

Johannes Diaconus

Zeit










Ort










Personen










Volk










Initiative










Beteiligung Karls










Vergleichsgesichtspunkte: Welchen Zeitpunkt und welchen Ort nennen die Texte für dieses Ereignis; welche Personen werden als handelnd eingeführt, welche Reaktion zeigt das Volk, von wem geht die Initiative zur Kaiserkrönung aus und inwiefern ist Karl selbst beteiligt am Zustandekommen der Krönung.

- Deutung der Ergebnisse und mögliche Schlussfolgerungen auf das Darstellungsinteresse der jeweiligen Quelle (Tafelaufschrieb).


    1. Erarbeitung der ‚Geschichtsbilder’ der verwendeten Quellentexte

- Ideen der Schüler zu den möglichen Gründen für die Unterschiede der Darstellung

- Vergleich mit der Beschreibung der Quellen in der Fachliteratur (z.B. Wattenbach/ Dümmler, 209ff. zu den Reichsannalen und Annales Maximiniani; 353f. zu Johannes Diaconus).




    1. Vergleich mit dem ‚Erwartungshorizont’ :

- Übereinstimmung der Darstellung Bechers mit den drei Quellentexten;

- Unterschiede;

- Bewertung des Ereignisses bei Becher und bei den mittelalterlichen Quellen;

- Schlussfolgerungen.




  1. Bildungspolitik Karls des Großen

Zusammenfassung der gelesenen Quellentexte 1 bis 3 mit Hilfe des Textes von Manfred Fuhrmann:

    1. Text von Fuhrmann wird vervielfältigt ausgeteilt; Leseaufgabe: Gliederung des Textes, stichwortartige Zusammenfassung des jeweiligen Gliederungsabschnitts (z.B. durch eine geeignete Überschrift);

    2. Klärung: In welchen Schritten entfaltet sich nach Fuhrmann Karls Bildungspolitik? Zuordnung der im Text angedeuteten Probleme zu den im Text genannten konkreten Maßnahmen Karls.

    3. Vergleich der in den Quellentexten erwähnten Maßnahmen mit dem von Fuhrmann beschriebenen Handeln Karls.

    4. Klärung der Motive Karls: Karls eigene Angaben in Text 2 und 3, Vergleich mit der Beschreibung Fuhrmanns.



  1. Die Kaiserkrönung Karls des Großen: Quellentexte


Text 1: Annales regni Francorum




801.

DCCCI. Ipsa die sacratissima natalis Domini, cum rex ad missam ante confessionem beati Petri apostoli ab orationem surgeret, Leo papa coronam capiti eius imposuit, et a cuncto Romanorum populo adclamatum est: Carolo Augusto, a Deo coronato magno et pacifico imperatori Romanorum, vita et victoria ! Et post laudes ab apostolico more antiquorum principum adoratus est, atque ablato patricii nomine imperator et Augustus est appellatus.



Ausgabe:

Annales regni Francorum inde ab a. 741 usque ad a. 823 qui dicuntur Annales Laurissenses maiores et Einhardi. Herausgegeben von Friedrich Kurze, Hannover 1895 (Monumenta Germaniae Historica – Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 6) (Ndr. 1950)


Angaben:

1 sacratus, a, um – geheiligt; natalis, is m. – Geburtstag: natalis Domini - Weihnachten; missa, ae f. – Messe; confessio, onis f. – Bekenntnis; hier: Martyrergrab, Apostelgrab; 3 coronare – krönen; 4 adorare – verehren, anbeten

Text 2: Annales Maximiniani

( = Chronicon Universale)


Anno 801. Die sancto natalis Domini, nesciente domno Carolo, cum ante missam ad Confessionem sancti Petri ab oratione surrexit, Leo papa coronam capiti eius imposuit, et a cuncto Romano populo adclamatum est: ‚Karolo augusto, a deo coronato, magno, pacifico imperatori vita et victoria!“ Et post laudes ab apostolico more antiquorum principum adoratus est, atque ablato patrici nomine, augustus et imperator appellatus est.



Ausgabe:

Annales Maximiniani, in: Monumenta Germaniae Historica – Scriptores (in Folio) 13. Herausgegeben von Georg Waitz, Berlin 1881 (Ndr. Stuttgart 1985).



Angaben:

1 natalis Domini – Weihnachten; missa – Messe; 2 confessio – Martyrergrab, Apostelgrab; 4 adorare - verehren


Text 3: Johannes Diaconus, Gesta episcoporum Neapolitanorum 48


Sub eodem quoque tempore conspirantes viri iniqui contra Leonem tertium Romanae sedis antistitem, comprehenderunt eum. Cuius cum vellent oculos eruere, inter ipsos tumultus, sicut assolet fieri, unus ei oculus paululum est laesus. Hic tamen fugiens ad Carolum regem, spopondit ei, ut, si de suis illum defenderet inimicis, augustali eum diademate coronaret. Carolus autem optatam audiens promissionem, e vestigio cum magno apparatu hostium proficiscens, urbemque capiens, illum in suam revocavit sedem. At ille statim Carolum coronavit et dignam ultionem in suos exercuit inimicos.



Ausgabe:

Gesta episcoporum Neapolitanorum, in: Monumenta Germaniae Historica – Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. VI–IX. Herausgegeben von Georg Waitz, Hannover 1878 (Ndr. 1988).


Angaben:

1 conspirare – sich verschwören ; 2 antistes, antistitis m. – Vorsteher, antistes sedis Romanae – Papst; eruere – ausreißen; 3 assolet = solet; paululum – ein wenig; laedere – verletzen; 4 diadema, atis n. – Band, Binde, Krone, diadema augustale – Kaiserkrone; coronare (s.o.) – krönen ; 5 promissio, onis f.- Versprechung, Verheißung ; e vestigio – auf der Stelle, sogleich; 6 ultio, onis f. – Rache, Strafe

Text 4: Notker Balbulus, Gesta Karoli Magni 1, 26


26. Sed ceteris mortalibus, his et huiuscemodi fraudibus a diabolo vel satellitibus eius illusis, libet intueri sententiam Domini, qua firmissimam sancti Petri confessionem remunerans ait: Quia tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam, et portae inferi non praevalebunt adversus eam, in his etiam periculosissimis et nequissimis diebus inconcussam et inmobilem permanere. Ut inter aemulos semper invidia debacchatur, sollemne Romanis et consuetudinarium fuit, ut omnes alicuius momenti ad sedem apostolicam per tempora subrogatis iugiter essent infensi vel potius infesti. Unde contigit, ut quidam illorum invidia caecati, sanctae recordationis Leoni papae, cuius supra fecimus mentionem, mortiferum crimen imponentes, eum caecare fuissent aggressi. Divino vero nutu conterriti sunt et retracti, ne oculos eius eruerent, sed rasoriis per medios inciderent.


Quod cum clanculo per familiares suos Michahelo imperatori Constantinopoleos indicari fecisset et ille omne auxilium ab eo retraheret, dicens: „Ille papa regnum habet per se et nostro praestantius. Ipse se per se ipsum vindicet de adversariis suis,“ tunc sanctus ille divinam constitutionem secutus, ut, qui iam re ipsa rector et imperator plurimarum erat nationum, nomen quoque imperatoris Caesaris et Augusti apostolica auctoritate gloriosus assequeretur, invictum Karolum Romam venire postulavit.
Qui, ut semper in expeditione et praecinctu bellico positus erat, statim cum apparatoribus et schola tironum, causae vocationis suae penitus ignarus, caput orbis ad caput quondam orbis absque mora perrexit. Cumque perditissimi populi inopinatum illius comperissent adventum, quasi passeres a conspectu domini sui cognomine nuncupati solent celari, ita per diversa latibula, cryptas et profugia sunt abstrusi. Sed cum industriam et sagacitatem eius sub caelo non possent evitare, ad basilicam sancti Petri capti et catenati perducti sunt. Illic intemeratus pater Leo assumens evangelium Domini nostri Iesu Christi posuit super caput suum et in conspectu Karoli eiusque militum, assistentibus etiam persecutoribus suis, in haec verba iuravit: „Sic in die magni iudicii sim particeps evangelii, sicut immunis sum criminis falso mihi ab istis obiecti.“ Et mox terribilis Karolus dixit ad suos: „Cavete, ne quis de illis evadat.“ Omnes itaque comprehensos vel diversis mortibus vel inremeabilibus damnavit exiliis.
Cum autem ibidem aliquot diebus reparandi exercitus gratia moraretur, convocavit antistes apostolicus de vicinis partibus quoscumque potuit et coram positis illis et invincibilibus gloriosissimi Karoli comitibus nihil minus suspicantem ipsum pronuntiavit imperatorem defensoremque ecclesiae Romanae. Quod cum ille non potuisset abnuere, quia divinitus sic procuratum crederet, non tamen gratanter suscepit pro eo, quod putaret Graecos maiore succensos invidia aliquid incommodi regno Francorum machinaturos, immo potiori cautela provisuros, ne, sicut tunc fama ferebat, Karolus insperato veniens regnum illorum suo subiugaret imperio.

Ausgabe:

Notker der Stammler, Taten Kaiser Karls des Grossen. Herausgegeben von Hans F. Haefele, Berlin 1959, ver­besser­ter Ndr. München 1980 (Monumenta Germaniae Historica – Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 12).



Angaben:

1 mortalis, is m. – der Sterbliche, der Mensch; fraus, fraudis f. – Betrug, Täuschung; satelles, satellitis m. – Leibwächter, Scherge, Helfershelfer, Spießgeselle; illudere – seinen Spott treiben; 2 confessio – Bekenntnis (vgl. Mt 16,18ff.); remunerare – jemanden belohnen; 3 petra, ae f. – Fels; inferus, i m. – Hölle; 4 nequam (indekl.) – nichtsnutzig, nichtswürdig, liederlich; inconcussus, a, um - unerschüttert; 5 aemulus,i m. – Feind; debacchari – sich austoben; sollemnis, e – gewöhnlich, üblich; consuetudinarius, a, um – zur Gewohnheit geworden; 6 momentum, i n. – Geltung, Gewicht; subrogare – jemanden für jem. nachwählen lassen; iugiter – immer; 7 infensus, a, um – feindselig, erbittert; infestus, a, um – feindlich andringend, zum Angriff bereit, feindselig;caecare – blenden; recordatio, onis f. – Erinnerung, sanctae recordationis – seligen Angedenkens; 8 mentionem facere – erwähnen; 9 divinus, a, um – göttlich; nutus, us m. – Wink, Hinweis, Fügung; rasorium, ii n. – Schermesser; 10 per medios – in der Öffentlichkeit; incidere – jem. anfallen, angreifen; 11 clanculo – heimlich; familiaris, is m. – Diener; Constantinopolis, eos – Konstantinopel; indicare – anzeigen; 13 praestans – vorzüglich, vortrefflich; se vindicare de – sich rächen an; 14 constitutio, onis f. – Bestimmung, Verordnung, divina constitutio – göttliche Eingebung; 15 assequi – einholen, erreichen, bekommen; 17 expeditio, onis f. - Kriegszug, Feldzug; praecinctus, us m. – Kleidung, praecinctus bellicus – Kriegsrüstung; apparator, is m. – Diener; 15 schola, ae f. – Gefolgschaft, Gesinde; tiro, onis m. – hier: Knecht, Knappe; penitus – überhaupt, völlig; 19 absque = sine; mora, ae f. – Auschub, Verzögerung;perditus, a, um – verrucht, verworfen; inopinatus, a, um – unerwartet; 20 passer, eris m. – Sperling, Spatz; cognomen, inis n. – hier: Name; nuncupare – nennen, benennen; celari – sich verstecken; latibulum, i n. – Schlupfwinkel; 21 crypta, ae f. – bedeckter Gang, Gewölbe; profugium, ii n. – Zufluchtsort, Schlupfwinkel; abstrudere – verstecken, verbergen; sagacitas, atis f. – Scharfsinn; 22 evitare – vermeiden, entgehen; catenare – in Ketten/Fesseln legen; intemeratus, a, um – unbefleckt, unangetastet; 24 persecutor, oris m. – Verfolger; 25 particeps – teilhaftig; immunis, e – frei von; 26 evadere – entweichen; 27 inremeabilis, e – keine Rückkehr gewährend, unauflösbar, unwiderruflich; 29 invincibilis, e – unbesiegbar; 31 abnuere – ablehnen, abschlagen, verweigern; divinitus (adv.) – durch göttliche Fügung 32 gratanter – mit Freuden; pro eo, quod – deswegen, weil; 33 machinari – etwas klug ersinnen, listig ins Werk setzen; immo – ja vielmehr; potior, ius – hier: größer; cautela, ae f. – Vorsicht; 34 providere – Vorkehrungen treffen; insperato – unverhofft, unvermutet ; subiugare – unterwerfen.

Text 5: Einhard, Vita Karoli Magni


27. … Colebat prae ceteris sacris et venerabilibus locis apud Romam ecclesiam beati Petri apostoli; in cuius donaria magna vis pecuniae tam in auro quam in argento necnon et gemmis ab illo congesta est. Multa et innumera pontificibus munera missa. Neque ille toto regni sui tempore quicquam duxit antiquius, quam ut urbs Roma sua opera suoque labore vetere polleret auctoritate, et ecclesia sancti Petri per illum non solum tuta ac defensa, sed etiam suis opibus prae omnibus ecclesiis esset ornata atque ditata. Quam cum tanti penderet, tamen intra XLVII annorum, quibus regnaverat, spatium quater tantum illo votorum solvendorum ac supplicandi causa profectus est.


28. Ultimi adventus sui non solum hae fuere causae, verum etiam quod Romani Leonem pontificem multis affectum iniuriis, erutis scilicet oculis linguaque amputata, fidem regis implorare conpulerunt. Idcirco Romam veniens propter reparandum, qui nimis conturbatus erat, ecclesiae statum ibi totum hiemis tempus extraxit. Quo tempore imperatoris et augusti nomen accepit. Quod primo in tantum aversatus est, ut adfirmaret se eo die, quamvis praecipua festivitas esset, ecclesiam non intraturum, si pontificis consilium praescire potuisset. Invidiam tamen suscepti nominis, Romanis imperatoribus super hoc indignantibus, magna tulit patientia.

Ausgabe:

Einhardi vita Karoli Magni. Herausgegeben von O. Holder-Egger, Hannover 1911 (Monumenta Germaniae Historica – Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 25) (Ndr. 1965).




Angaben:

1 venerabilis, e – verehrungswürdig; 2 donarium, ii n. – Opferaltar, Tempel; vis – hier: Menge, Masse; gemma, ae f. – Edelstein; 4 antiquius – wichtiger; opera, ae f. – Tätigkeit, Arbeit, Bemühung; pollere – stark sein, etwas ausrichten können; 6 ditare – bereichern; pendere – bezahlen; 9 fuere = fuerunt; 10 eruere (s.o.) – ausreißen; amputare – abschneiden; 11 implorare – anrufen, anflehen; compellere – zu etwas treiben, bringen, bewegen; conturbare – in Unordnung bringen; 12 extrahere – hinausziehen, (Zeit unnütz) hinbringen; 13 in tantum – so sehr; aversari – sich abwenden, etwas zurückweisen; praecipuus, a, um – besonders, Haupt-; festivitas, atis f. – Festlichkeit, Feier; 15 indignari – über etwas unwillig, ungehalten, entrüstet sein.

  1. Die Bildungsreform Karls des Großen: Quellentexte

Text 1: Bonifatius-Brief 68

(1. Juli 746)

Reverentissimo et sanctissimo fratri Bonifatio coepiscopo Zacharias servus servorum Dei.
Virgilius et Sedonius religiosi viri apud Baioariorum provinciam degentes suis nos litteris usi sunt, per quas intimaverunt, quod tua reverenda fraternitas eis iniungeret christianos denuo baptizare.
Quod audientes nimis sumus conturbati et in admirationem quandam incidimus, si habetur, ut dictum est. Retulerunt quippe, quod fuerit in eadem provincia sacerdos, qui Latinam linguam penitus ignorabat et, dum baptizaret, nesciens Latini eloquii infringens linguam diceret: ‘Baptizo te in nomine patria et filia et spiritus sancti.’ Ac per hoc tua reverenda fraternitas consideravit rebaptizare.
Sed, sanctissime frater, si ille, qui baptizavit, non errorem introducens aut heresim, sed pro sola ignorantia Romane locutionis infringendo linguam, ut supra fati sumus, baptizans dixisset, non possumus consentire, ut denuo baptizentur; quia, quod tua bene conpertum habet sancta fraternitas, quicumque baptizatus fuerit ab hereticis in nomine patris et filii et spiritus sancti, nullo modo rebaptizari debeatur, sed per sola manus inpositione purgari debeatur. Nam, sanctissime frater, si ita est ut relatum est, non amplius a te illis predicetur huiusmodi, sed, ut sancti patres docent et predicant, tua sanctitas studeat conservare.
Deus te incolumem custodiat, reverentissime frater.

Ausgabe:

Die Briefe des heiligen Bonifatius und Lullus. Herausgegeben von Michael Tangl, Berlin 1916 (Monumenta Germaniae Historica – Epistolae selectae 1) (Ndr. München 1989).




Angaben:

1 reverens, entis – achtungsvoll; coepiscopus, i m. – Mitbischof; Zacharias, Papst 741 – 752; 2 degere – leben; litteris uti – einen Brief schreiben; 3 intimare – mitteilen; quod – dass; iniungere – auferlegen; baptizare – taufen; 4 haberi – sich verhalten; 5 quod s.o.; 6 penitus – gründlich, völlig; eloquium, ii n. – Rede, Ausdrucksweise (hier: Deklination); infringere –zerbrechen, verrenken; nesciens mit Genitiv; 8 rebaptizare – wiedertaufen, noch einmal taufen; 9 heresis, Akkusativ heresim – Ketzerei (eigtl. haeresis); 10 locutio, onis f. – Aussprache; infringere s.o.; fari, for, fatus sum – sagen, sprechen, verkünden; 12 hereticus, i m. – Ketzer (eigtl. haereticus); 13 purgare – reinigen, entschuldigen, freisprechen; 15 predicare – öffentlich aussagen, predigen.
Text 2: Admonitio generalis

(23. März 789)



Regnante domino nostro Iesu Christo in perpetuum. Ego Karolus, gratia Dei eiusque misericordia donante rex et rector Francorum et devotus sanctae ecclesiae defensor humilisque adiutor, omnibus ecclesiasticae pietatis ordinibus seu saecularis potentiae dignitatibus in Christo domino, Deo aeterno, perpetuae pacis et beatitudinis salutem.
Considerans pacifico piae mentis intuitu una cum sacerdotibus et consiliariis nostris abundantem in nos nostrumque populum Christi regis clementiam, et quam necessarium est non solum toto corde et ore eius pietati agere gratias incessanter, sed etiam continua bonorum operum exercitatione eius insistere laudibus, quatenus, qui nostro regno tantos contulit honores, sua protectione nos nostrumque regnum in aeternum conservare dignetur: quapropter placuit nobis vestram rogare sollertiam, o pastores ecclesiarum Christi et ductores gregis eius et clarissima mundi luminaria, ut vigili cura et sedula admonitione populum Dei ad pascua vitae aeternae ducere studeatis, et errantes oves bonorum exemplorum seu adhortationum humeris intra ecclesiasticae firmitatis muros reportare satagimini, ne lupus insidians aliquem canonicas sanctiones transgredientem vel paternas traditiones universalium conciliorum excedentem, quod absit, inveniens devoret. Ideo magno devotionis studio admonendi et adhortandi sunt immo conpellendi, ut firma fide et infatigabili perseverantia intra paternas sanctiones se conteneant: in quo opere et studio sciat certissime sanctitas vestra nostram vobis cooperare diligentiam.
Quapropter et nostros ad vos direximus missos, qui ex nostri nominis auctoritate una vobiscum corrigerent, quae corrigenda essent. Sed et aliqua capitula ex canonicis institutionibus, quae magis nobis necessaria videbantur, subiunximus. Ne aliquis, quaeso, huius pietatis admonitionem esse praesumtiosam iudicet, qua nos errata corrigere, superflua abscidere, recta cohartare studemus, sed magis benevolo caritatis animo suscipiat. …
Quapropter, ut praediximus, aliqua capitula notare iussimus, ut simul haec eadem vos admonere studeatis, et quaecumque vobis alia necessaria esse scitis, ut et ista et illa aequali intentione praedicetis. Nec aliquid, quod vestrae sanctitati populo Dei utile videatur, omittite, ut pio studio non admoneatis, quatenus, ut et vestra sollertia et subiectorum oboedientia aeterna felicitate ab omnipotente Deo remuneretur.
72. Sacerdotibus. Sed et hoc flagitamus vestram almitatem, ut ministri altaris Dei suum ministerium bonis moribus ornent, seu alii canonicae observantiae ordines vel monachici propositi congregationes; obsecramus, ut bonam et probabilem habeant conversationem, sicut ipse Dominus in evangelio praecipit: ‘Sic luceat lux vestra coram hominibus, ut videant opera vestra bona et glorificent patrem vestrum, qui in caelis est’ (Mt 5, 16), ut eorum bona conversatione multi protrahentur ad servitium Dei, et non solum servilis conditionis infantes, sed etiam ingenuorum filios adgregent sibique socient. Et ut scolae legentium puerorum fiant. Psalmos, notas, cantus, compotum, grammaticam per singula monasteria vel episcopia et libros catholicos bene emendate; quia saepe, dum bene aliqui Deum rogare cupiunt, sed per inemendatos libros male rogant. Et pueros vestros non sinite eos vel legendo vel scribendo corrumpere; et si opus est evangelium, psalterium et missale scribere, perfectae aetatis homines scribeant cum omni diligentia.

Ausgabe:

Monumenta Germaniae Historica – Capitularia regum Francorum 1. Herausgegeben von Alfredus Boretius, Hannover 1883 (Ndr. 1984) Nr. 22.


Angaben:

2 devotus, a, um – treu ergeben; 3 ordo, inis f. – (kirchlicher) Stand; saecularis, e – weltlich; dignitas, atis f. – gesellschaftliche Rangstufe; salutem sc. dicere - grüßen, Wohlergehen wünschen; 5 considerare – betrachten, erwägen; pacificus, a, um – friedenstiftend, friedvoll; intuitus, us m. – Blick, Ansehen; 7 incessanter – unablässig, unaufhörlich; 8 insistere – etwas (im Dativ!) eifrig betreiben, sich etwas hingeben; quatenus mit Konj. – insofern als, weil; 9 protectio, onis f. – Schutz; dignari – etwas nicht für unter seiner Würde halten; 10 sollertia, ae f. – Geschicklichkeit, Einsicht; 11 luminar, aris n. – Kerze, Licht; vigil, is – wachsam, wachend; sedulus, a, um – eifrig, aufmerksam; pascuum, i n. – Weide; 12 humerus, i m. – Schulter (eigtl. umerus); 13 satagere – sich bemühen; canonicus, a, um – nach dem kirchlichen Recht, rechtmäßig; 14 sanctio, onis f. – Satzung, Verfügung; 15 devorare – verschlingen; ideo – deshalb; devotio, onis f. – Ergebenheit, Andacht; immo – ja sogar; 16 infatigabilis, e – unermüdlich; perseverantia, ae f. – Beharrlichkeit, Ausdauer; 17 sanctitas, atis f. – Heiligkeit; vestra sanctitas, Anrede hoher Kirchenfürsten (speziell auch des Papstes); cooperare – mitwirken (gewöhnlich cooperari); diligentia, ae f. – Umsicht; 20 subiungere – erwähnen; 21 praesumtiosus, a, um – vermessen (eigentl. praesumptiosus); 23 praedicere – vorher erwähnen; 26 quatenus ut – weil; subiectus, i m. – Untertan, Unterworfener 27 remunerare – belohnen; 28 flagitare – ungestüm verlangen; almitas, atis f. – Hoheit, Heiligkeit; 29 observantia, ae f. – Beobachtung, Einhaltung; canonicus s.o. z. 13; monachicus, a, um – mönchisch; 30 propositum, i n. – Vorhaben, Gelübde; congregatio, onis f. – Zusammenleben, Gemeinschaft; obsecrare – beschwören, bitten; conversatio, onis f. – Lebenswandel; conditio, onis f. – Stellung, Stand (eigentl. condicio); 34 ingenuus, a, um – frei geboren; adgregare – beigesellen; et ut: ergänze obsecramus; scola, ae f. – Schule (eigentl. schola); 35 nota, ae f. – Schriftzeichen, Buchstaben; compotus, i m. – Berechnung, Rechnen (eigentl. computus); 36 emendare – verbessern.
Text 3: Epistola de litteris colendis

(zwischen 780 und 800)

Karolus, gratia Dei rex Francorum et Langobardorum ac patricius Romanorum, Baugulfo abbati et omni congregationi, tibi etiam commissis fidelibus oratoribus nostris in omnipotentis Dei nomine amabilem direximus salutem.
Notum igitur sit Deo placitae devotioni vestrae, quia nos una cum fidelibus nostris consideravimus utile esse, ut episcopia et monasteria nobis Christo propitio ad gubernandum commissa praeter regularis vitae ordinem atque sanctae religionis conversationem etiam in litterarum meditationibus eis, qui donante Domino discere possunt, secundum uniuscuiusque capacitatem docendi studium debeant impendere, ... ut, qui Deo placere appetunt recte vivendo, ei etiam placere non negligant recte loquendo. ...
Quamobrem hortamur vos litterarum studia non solum non negligere, verum etiam humillima et Deo placita intentione ad hoc certatim discere, ut facilius et rectius divinarum scripturarum mysteria valeatis penetrare. Cum autem in sacris paginis schemata, tropi et cetera his similia inserta inveniantur, nulli dubium est, quod ea unusquisque legens tanto citius spiritualiter intelligit, quanto prius in litterarum magisterio plenius instructus fuerit. Tales vero ad hoc opus viri eligantur, qui et voluntatem et possibilitatem discendi et desiderium habeant alios instruendi. Et hoc tantum ea intentione agatur, qua devotione a nobis praecipitur.
Huius itaque epistolae exemplaria ad omnes suffragantes tuosque coepiscopos et per universa monasteria dirigi non negligas, si gratiam nostram habere vis.

Ausgabe:

Monumenta Germaniae Historica – Capitularia regum Francorum 1. Herausgegeben von Alfredus Boretius, Hannover 1883 (Ndr. 1984) Nr. 29.



Angaben:

4 congregatio, onis f. – Gemeinschaft; committere – anvertrauen; fidelis, e – treu ergeben; orator, oris m. – hier: Gelehrter; 5 salutem dirigere – seinen Gruß richten an, einen Gruß schicken, jem. grüßen; 6 Deo placitus – Gott gefällig; devotio, onis f. – Andacht; Deo placita devotio vestra: Anrede an einen Abt (‘eure gottgefällige Heiligkeit’); fidelis, is m. – der Getreue; 7 considerare – erwägen; propitius, a, um – gnädig, geneigt; 8 conversatio, onis f. – Lebenswandel; 9 meditatio, onis f. – Übung; secundum – gemäß; unusquisque – jeder einzelne; 10 capacitas, atis f. – Fassungsvermögen; impendere – aufwenden; 11 intentio, onis f. – Streben, Absicht; certatim – um die Wette; 12 schema, atis n. – Redewendung; tropus, i m. – rhetorisches Stilmittel: Bild; 14 magisterium, ii n. – Unterricht; 16 praecipere – vorschreiben; 17 suffragans, antis m. – Unterbischof.
Text 4: Ademar, Historiae 2,8

8. (Ann. Lauresh. a. 787) ... Mox petiit domnus rex Karolus ab Adriano papa cantores, qui Franciam corrigerent de cantu. At ille dedit ei ...


Similiter erudierunt Romani cantores supradicti cantores Francorum in arte organandi. Et domnus rex Karolus iterum a Roma artis grammaticae et computatoriae magistros secum adduxit in Franciam, et ubique studium litterarum expandere iussit. Ante ipsum enim domnum regem Karolum in Gallia nullum studium fuit liberalium artium.

Ausgabe:

Ademari historiarum libri tres, in: Monumenta Germaniae Historica – Scriptores (in Folio) 4. Herausgegeben von Georg Henrich Pertz, Hannover 1841 (Ndr. Stuttgart 1982) S. 106-148.


Angaben:

3 organare – Orgel spielen, ein Musikinstrument spielen; 4 ars computatoria – Kunst der (Kalender-)Berechnung (besonders des Ostertermins); 5 expandere – ausbreiten; 6 artes liberales – ‘die (sieben) freien Künste’: Grammatik, Dialektik, Rhetorik (Trivium), Musik, Geometrie, Astronomie, Arithmetik (Quadrivium).
Text 5: Notker Balbulus, Gesta Karoli Magni 1,2

2. Audito autem Albinus de natione Anglorum, quam gratanter sapientes viros religiosissimus regum Karolus susciperet, conscensa navi venit ad eum. Qui erat in omni latitudine scripturarum supra ceteros modernorum temporum exercitatus, utputa discipulus doctissimi Bedae post sanctum Gregorium tractatoris. Quem usque ad finem vitae iugiter secum retinuit, nisi quando ad ingruentia bella processit, adeo ut se discipulum eius et ipsum magistrum suum appellari voluisset. Dedit autem illi abbatiam sancti Martini iuxta Turonicam civitatem, ut, quando ipse absens esset, illic requiescere et ad se confluentes docere deberet. Cuius in tantum doctrina fructificavit, ut moderni Galli sive Franci antiquis Romanis et Atheniensibus aequarentur.



Ausgabe:

Notker der Stammler, Taten Kaiser Karls des Grossen. Herausgegeben von Hans F. Haefele, Berlin 1959, ver­besser­ter Ndr. München 1980 (Monumenta Germaniae Historica – Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 12).



Angaben:

1 audito: als abl. abs.nicht korrekt, zu übersetzen wie ein (nicht existierendes) vorzeitiges Partizip Perfekt Aktiv; gratanter – mit Freuden; 2 conscendere – (ein Schiff) besteigen; latitudo, inis f. – Breite, Fülle; 3 exercitatus, a, um – geübt, erfahren, gebildet; utputa – wie eben; tractator, oris m. – Erklärer, Ausleger (der Heiligen Schrift; Beda Venerabilis als der nach Gregor dem Großen gelehrteste Erklärer der Heiligen Schrift); 4 iugiter – immer; 5 ingruere – hereinstürzen, hereinbrechen; procedere – ausziehen, fortziehen; 6 abbatia, ae f. – Abtei; 8 fructificare – Früchte tragen.
Text 6: Einhard, Vita Karoli Magni 25

25. Erat eloquentia copiosus et exuberans poteratque quicquid vellet apertissime exprimere. Nec patrio tantum sermone contentus etiam peregrinis linguis ediscendis operam impendit. In quibus Latinam ita didicit, ut aeque illa ac patria lingua orare sit solitus.

Graecam vero melius intellegere quam pronuntiare poterat. Adeo quidem facundus erat, ut etiam dicaculus appareret. Artes liberales studiosissime coluit, earumque doctores plurimum veneratus magnis adficiebat honoribus.

In discenda grammatica Petrum Pisanum diaconem senem audivit, in ceteris disciplinis Albinum cognomento Alcoinum, item diaconem, de Brittania Saxonici generis hominem, virum undecumque doctissimum, praeceptorem habuit, apud quem et rhetoricae et dialectiace, praecipue tamen astronomiae ediscendae plurimum et temporis et laboris inpertivit.. Discebat artem conputandi et intentione sagaci siderum cursum curiosissime rimabatur. Temptabat et scribere tabulasque et codicellos ad hoc in lecto sub cervicalibus circumferre solebat, ut, cum vacuum tempus esset, manum litteris effigiendis adsuesceret, sed parum successit labor praeposterus ac sero inchoatus.


26. ... Legendi atque psallendi disciplinam diligentissime emendavit. Erat enim utriusque admodum eruditus, quamquam ipse nec publice legeret nec nisi submissim et in commune cantaret.

Ausgabe:

Einhardi vita Karoli Magni. Herausgegeben von O. Holder-Egger, Hannover 1911 (Monumenta Germaniae Historica – Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 25) (Ndr. 1965).


Angaben:

1 exubero – reichlich hervorsprudeln, überströmen; 2 operam impendere – Mühe aufwenden für; 4 facundus, a, um – redegewandt, beredt; 5 dicaculus, a, um – redselig, artes liberales – die (sieben) freien Künste (s.o.); venerari – verehren; 10 impertire – zuteilen, zuwenden; 11 ars computandi – Kunst der Kalenderberechnung (s.o.); intentio, onis f. – Aufmerksamkeit, Sorgfalt; sagax, acis – scharfsinnig; rimari – durchforschen; 12 codicellus, i m. – Schreibtafel; cervical, alis n. – Kopfkissen; 13 effigere – abbilden, formen, gestalten; parum – wenig; succedere – gelingen; 14 praeposterus, a, um – in verkehrter Reihenfolge.

  1. Die Bildungspolitik Karls des Großen: Begleittexte

Manfred Fuhrmann, Die karolingische Bildungsreform


(aus: ders., Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II., Köln 2001)
Die Geschichte des europäischen Schulwesens beginnt mit der Bildungsreform Karls des Großen. Durch sie wurde ein Bau errichtet, der dem ganzen Frühmittelalter Genüge tat. Was Karl reformiert und in dauerhaften Institutionen verankert hat, war allerdings ‚Bildung’ in einem vom heutigen Verständnis weit entfernten Sinne. Das Mittelalter kannte keine ‚Kultur’ als eine von der Religion untrennbare Größe, und es kannte dementsprechend auch keine ‚Bildung’ in der gegenwärtig gültigen, erst von der Aufklärung durchgesetzten weltlichen Bedeutung. Alles Wissen und alle Wissensvermittlung stand primär im Dienste des christlichen Glaubens, der Kirche, des Klerus, und andere als kirchliche Institutionen kamen für Schule und Unterricht überhaupt nicht in Betracht. Das Ziel und die Krönung jeglichen Lernens war der Gottesdienst und das rechte Verständnis der Heiligen Schrift. Der Umstand, dass die Fähigkeiten des Schreibens und Lesens auch den Bedürfnissen des Staates – nach Fixierung von Gesetzen, nach Beurkundung von Rechtsakten – dienen konnten, hatte eher den Rang eines nützlichen Nebeneffekts.

Karl der Große hat eine Reform im prägnanten Sinne des Wortes durchgeführt: Er hat eine verkommene Überlieferung aufgegriffen, gereinigt und in eine überschaubare Ordnung gebracht. Diese Überlieferung ging auf die Spätantike zurück. Sie war in lateinischer Sprache verfasst und bestand aus einem umfänglichen Corpus von Schriften, sowohl kirchlichen als auch weltlichen Inhalts. Sie beruhte auf festen, ebenfalls der Spätantike entstammenden Institutionen, auf den Klöstern und Bistümern, und sie enthielt bereits eine genaue Vorstellung, einen scharf umschriebenen Inbegriff des Wissens, der für die Auslegung der Bibel erforderlich sei – einen Inbegriff, der Christliches mit Antikem verband, der nicht nur die Theologie, sondern auch eine Anzahl von weltlichen Disziplinen, die so genannten Artes liberales, umfasste. (...)

Karl der Große war indes für seine Reform des Unterrichtswesens nicht allein auf die schriftliche Hinterlassenschaft der Spätantike angewiesen. In einem Randgebiet außerhalb des ehemaligen Römischen Reiches, in Irland, Schottland und Britannien, hatte sich vom 5. Jahrhundert an ein blühendes Klosterwesen entwickelt; ... dort verwaltete man gewissenhaft das Erbe der Kirchenväterzeit. Man versah den Gottesdienst, man schrieb die Werke der christlichen und heidnischen Autoren ab und widmete sich emsig der Theologie und den weltlichen Wissenschaften. Hierbei bediente man sich durchweg der lateinischen Sprache, die – anders als auf dem Kontinent – von gut funktionierenden Schulen rein und unverfälscht erhalten wurde. (...)

An diese Bemühungen knüpfte Karl der Große an, sobald er den Thron bestiegen hatte, und er erweiterte die Kirchenreform zu einer Schul- und Bildungsreform. Er bediente sich hierbei zweier Mittel: Er erließ Gesetze und schuf als eine Art Musteranstalt die Hofschule, an die er die besten Köpfe nicht allein des Frankenreichs, sondern ganz Europas berief und die er in eigener Person ständig beaufsichtigte. Unter den gesetzgeberischen Maßnahmen ragt die Admonitio generalis des Jahres 789 hervor, worin sowohl die Einrichtung von Schulen angeordnet als auch deren Lehrpensum umschrieben wird. ... Bei der in der Admonitio generalis genannten Zweiheit von Institutionen, den Kloster- und Kathedral- oder Domschulen, ist es im Wesentlichen geblieben, sowohl unter Karl selbst als auch in den Jahrhunderten nach ihm. In der Praxis haben vor allem die Klöster den Klerikernachwuchs herangezogen. ... Eine Verordnung Karls besagt, dass die Pfarrer Geeignete zu liturgischen Hilfsdiensten ausbilden sollten; die hierfür eingerichteten so genannten Pfarrschulen haben es indes nie zu einiger Bedeutung gebracht. Noch weniger wirksam war die einmal ergehende Empfehlung, ein jeder möge seine Kinder zum Erlernen des Lesens und Schreibens in die Schule schicken; hierin hat man zu Unrecht eine erste Maßnahme zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht erblicken wollen.



1 vgl. dazu: R. Klimek-Winter, Europa als Leitidee des lateinischen Lektüreunterrichts, in: L.-M. Günther (Hg.), Die Wurzeln Europas in der Antike. Bildungsballast oder Orientierungswissen, Sources of Europe 1, Europäischer Universitätsverlag 2004.

2 ebd., S. 36



База данных защищена авторским правом ©shkola.of.by 2016
звярнуцца да адміністрацыі

    Галоўная старонка