Band 172/173 der Sammlung Zeugen des gegenwärtigen Gottes'



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Johannes Kuhlo



Band 172/173 der Sammlung
Zeugen des gegenwärtigen Gottes'

Meiner Frau, meinen treuen Gemeinden


und dem Posaunenchor Ransbach über Bad Hersfeld
für alle Treue und Dienstbereitschaft
zum 40jährigen Jubiläum

Johannes Kuhlo

Der Posaunengeneral

Von



BRUNNEN = VERLAG • GIESSEN UND BASEL

Helmut Ludwig







Johannes Kuhlo 4

Der Posaunengeneral 4



Das Vorbild des Vaters 5

Johannes Kuhlo über seinen Vater 15

Verwurzelt im Ravensberger Land 19

Die entscheidenden Jugendjahre 23

Studienzeit 32

Im Rauhen Haus 38

Ein nicht unpolitisches Zwischenspiel 41

Erste Gemeindepraxis in Hüllhorst 43

Brüderhausvorsteher in Bethel 51

Lebensabend und Heimgang 60

In eigener Sache 66

Zeugnisse über Johannes Kuhlo 72

Quellennachweis 83

Zeugen des gegenwärtigen Gottes" 90



© 1966 by Brunnen-Verlag, Gießen
Printed in Germany

Gesamtherstellung: Buchdruckerei Hermann Rathmann, Marburg an der Lahn




Das Vorbild des Vaters

Nach Vätern sucht unsere heutige Generation. Und das ist bemerkenswert in einer Zeit, in der Jugend höchster Trumpf und größte Chance ist. Gerade die junge Genera= tion unserer Tage aber sehnt sich insgeheim nach Vor= bildern, nach echten Autoritäten. Man spürt im Zeitalter des Fortsturzes, wie der „Zukunft"=Autor Robert Jungk die zweite Hälfte unseres 20. Jahrhunderts bezeichnet, daß nur echte Vatervorbilder eine glaubwürdige ethische Linie aufzuzeigen in der Lage sind, in einer Zeit, in der vieles drunter und drüber geht, in der ganze Epochen übersprun= gen werden mußten, um den Anschluß an die rasende Entwicklung der Technik nicht zu verpassen.

Echte Vaterautorität ist in der Lage, die Generation der Söhne im guten Sinne zu prägen. Gerade dies wird deut= lieh, wenn wir das Leben des Vaters Johannes Kuhlos betrachten und prüfen. Er war der Vater, die prägende Autorität der sogenannten Jünglingsvereine und der Posaunenchöre im Minden=Ravensberger Land.

Karl Eduard Gotthilf Kuhlo war der jüngste Sohn des hochmusikalischen Kantors Hermann Kuhlo. Er erblickte am 21. Dezember 1822 in Gütersloh das Licht der Welt. Bald zogen seine Eltern hinüber nach Heepen. Von dort aus besuchte Eduard Kuhlo das Gymnasium in Bielefeld. Nach der Reifeprüfung hörte er die Vorlesungen der her= vorragenden Theologieprofessoren in Berlin und Bonn. Er saß zu Füßen von Hengstenberg, Neander, Nietzsch und Sack, um nur einige jener Lehrer zu nennen, die das geist= liehe Leben Eduard Kuhlos bestimmten.

Daneben nutzte er die Berliner Zeit, um als Mitglied der dortigen Singakademie die großen Meister kennenzulemen und sich auch von ihnen fördern zu lassen. Die Musik war sein großes Hobby. Schon damals in Berlin spürte Eduard Kuhlo den Wunsch und die innere Berufung, die gute Musik vielen Mitmenschen zugänglich zu machen und damit einer seichten und kitschigen Pseudomusikalität im Volke entgegenzuwirken.

Kuhlo bestand seine beiden theologischen Examina mit Gut und ging zunächst für kurze Zeit als Amtshilfe nach Schildesche. Dann betätigte er sich als Hauslehrer, wie das damals weithin üblich war, auf dem Rittergut Behme bei Löhne und hatte so die Möglichkeit, auch seine pädago» gischen Qualitäten unter Beweis zu stellen. Dort lernte er auch seine Frau kennen: Ida von Laer. Sie ist ihm später zu einer treuen Gehilfin in Haus und Amt geworden.

Zeitlebens erinnerte sich Eduard Kuhlo gern seiner Ordination am 10. April 1851 in Gohfeld. Er war sich bewußt, daß er ein schweres und verantwortungsvolles, aber auch unendlich schönes Amt antrat. Später berichtete er oft, daß ihn ein altes gläubiges Mütterchen in Berlin stark beeindruckt und in seinem Glaubensleben gefördert habe. So kam zur theologischen Lehre auf der Universität und zur musikalischen Schulung durch die Berliner Sing» akademie das Vorbild schlichten, reifen Glaubens einer einfachen Frau. Zu den vielseitigen Begabungen Kuhlos kam ein nie ruhender Eifer, ein starker Drang zur Weiter= gäbe und Verkündigung dessen, was ihn frei und froh machte. Das alles gehörte zum innersten Kern seiner Per» sönlichkeit. Dieser Eifer übertrug sich auch auf seinen Sohn Johannes, der bis ins hohe Alter hinein rastlos unterwegs war, um das Evangelium weiterzutragen. Mit die wichtig» sten Worte im Glaubensbekenntnis waren für den Vater Eduard Kuhlo die beiden Wörtchen: Ich glaube! Das Wort Gottes blieb immer höchste und letzte Instanz seines viel» seifigen Lebens und Wirkens.

Heimweh nach der Ewigkeit ist in unseren Tagen weit» hin selten geworden. In der Verkündigung Eduard Kuhlos aber kam es unüberhörbar zum Ausdruck. Er hat oft dar» auf hingewiesen, daß alles irdische Leben vergänglich ist. An dieser Stelle spürte man ihm den ganzen Emst seiner Verkündigung deutlich ab, und sie hinterließ bei vielen

Menschen des Minden=Ravensberger Landes einen tiefen Eindruck. Aber gerade aus diesem letzten Emst heraus suchte Eduard Kuhlo die Gemeinschaft seiner Mitmenschen, seiner Gemeinde und der Jugend. Aus diesem Suchen nach Gemeinschaft unter Gottes Wort entstand die Einrichtung regelmäßiger Versammlungen, in denen intensive BibeU arbeit getrieben wurde.

Mit seinen benachbarten Amtsbrüdern Schmalenbach, Seippel und Braun kam es zu einer tragenden, zurecht= helfenden Gebetsgemeinschaft, der er einen großen Teil seiner Zeit widmete. Hier fand er neue Kraft, wenn er spürte, daß die Hände leer wurden, daß mit unserer Kraft nichts getan ist, wenn nicht Gottes Vollmacht dahinten steht. Zahllose Hausbesuche trugen die Frucht dieser stillen Stunden weiter, in die Familien seiner Gemeinde hinein. Eduard Kuhlo liebte und prägte die „Stillen im Lande". Das muß man sehen, wenn man seine großen Öffentlichkeitserfolge recht würdigen will.

Die Hochzeitsreise mußte über den vielen Amtsgeschäf» ten immer wieder aufgeschoben werden. Schließlich holte Kuhlo sie nach, indem er mit seiner Frau nach Hermanns» bürg fuhr, um den großen Missionsmann Ludwig Harms in seiner umfangreichen Tätigkeit kennenzulemen. Harms verstand elf Sprachen und galt als ein Genie. Er war in vielen wissenschaftlichen Disziplinen zu Hause. Nach Feierabend hatte er oft einen ausgesuchten Kreis von Freunden aus aller Welt und aus vielen Ständen und Berufen um sich versammelt. Hier kam keine theologische Einseitigkeit auf, hier pulsierte weltweites Leben.

Kuhlo kehrte bereichert aus Hermannsburg nach Hause zurück. Es war darum nicht verwunderlich, daß hinfort auch sein Herz für die Mission schlug. Er wurde einer der fortschrittlichen Missionsmänner unter seinen Amtsbrü» dem und hat nicht geringe Summen für die Mission zusammengetragen.

Er erbat das Geld weniger aus den Geldbeuteln als aus den Herzen der Geber. Die Opfer gingen an verschiedene Missionsanstalten, auch nach Hermannsburg.

Bei einer Missionsverkündigung verstand es Kuhlo, kräftig und deutlich gegen die Ursünde des Geizes anzu= gehen, und sein Wort überzeugte. Zusammen mit seinen Helfern erzielte er für die damalige Zeit ungewöhnlich hohe Kollekten. Seine Mitarbeiter gewann er aus den Kreisen seiner Bibelstunden und Jugendveranstaltungen. So hatte er bald eine Schar ehrenamtlicher Diakone zur Verfügung, die auch Krankem und Hausbesuche machten, um ihrem Pfarrer einen Teil der vielfachen Dienste abzu= nehmen.

Von Harms hatte Eduard Kuhlo gelernt, daß ein Pfarrer kein „Einmanntorpedo" sein darf. Die Idee des Teams, die heute wieder besonders propagiert wird, wurde von Kuhlo bereits im vorigen Jahrhundert segensreich prak= tiziert.

Gleich nach seinem Amtsantritt in Gohfeld begann der junge Pastor eine weitgespannte Jugendarbeit, die damals als Jünglings= und Jungfrauenvereine die Vorbilder späte= rer weltweiter Bewegungen darstellten. Zur gleichen Zeit fing er mit dem Chorsingen in seiner Gemeinde an. Dabei galt es zunächst viele Vorurteile zu überwinden. Als aber die ersten mehrstimmigen Chöre eingeübt waren, schwand die Kritik, und viele Kranke freuten sich über das Singen im Krankenzimmer. Selbst der Hausarzt meinte, daß das Singen seine ärztliche Arbeit nicht unbeträchtlich unter= stützte. Hier wurden Dinge praktiziert, die später erst von den Psychologen neu entdeckt wurden.

Die Vereine bekamen immer wieder neue Aufgaben gestellt und wuchsen daran. Eduard Kuhlo wußte, daß man seine Leute verliert, wenn man sie nur bedient und in eine ausschließliche Empfängersituation drängt; daß man sie aber behält, vermehrt und bereichert, wenn man sie fordert, ihnen Aufgaben stellt und sie mitarbeiten läßt.


Der Gottesdienst wurde durch alte, mehrstimmige Cho= räle belebt. Es war Kuhlos Initiative zu verdanken, daß die alten, lebendigen Rhythmen wieder freigelegt wurden und damit das steiffeierliche Singen der Gemeinde auf Schwung gebracht wurde.

Im Mai des Jahres 1874 war die Arbeit so weit ge= diehen, daß ein großes Kreisfest der Vereine im Salzufler Wald veranstaltet werden konnte. Pastor von Bodel= schwingh, Eduard Kuhlo und Augener standen als Fest= prediger zur Verfügung.

Als die örtlichen Vereine wuchsen, entstand unüber= hörbar der Ruf nach einem Zusammenschluß auf über= gemeindlicher Basis. Damit war eine weitere Tiefem und Breitenwirkung verbunden. An diese Aufgabe wendete Kuhlo seine ganze Kraft und seinen Ideenreichtum. Er schloß die einzelnen Vereine zusammen und strebte ein Bundesverhältnis an. Auch damit war er seiner Zeit wie= der um eine Nasenlänge voraus. Er gab Notenbücher her= aus, um damit dem planlosen Üben, dem Aneinandervor= beiarbeiten ein Ende zu bereiten. Ein einheitliches Pro= gramm und ein Treffen großen Ausmaßes war das ge= steckte Ziel, in dem bereits kleine Kirchentage sich ab= zeichneten.

Kuhlo wußte, daß diese Ideen nicht von ihm allein verwirklicht werden konnten. So suchte und fand er über= all Mitarbeiter im Lande, die eine segensreiche Entwick= lung einleiteten und am Fortgang einer Mindern Ravens= berger Erweckungsbewegung arbeiteten. Wieviel uner= müdlicher und ehrenamtlicher Einsatz steckte hinter sol= chen Ideen! Wieviel freiwillige Drangabe der nicht gerade großzügig bemessenen Freizeit seiner Gemeindehelfer und Mitarbeiter!

Dann kamen die Früchte der Arbeit in den großen Vereinsfesten und Gemeindetreffen. Man nannte sie bald kurz und bündig „Posaunenfeste". Das erste fand am Reformationsfest des Jahres 1874 in der Münsterkirche zu Herford statt. Man beschloß nach diesem überzeugen den Erfolg, nun jährlich solche Feste zu feiern. Es wurden kirchenmusikalische Höhepunkte für viele Gemeinden. Von weit her im Umkreis kamen die Leute angereist, um das mitzuerleben. Die ersten Vorläufer der Kirchentage waren in freilich noch bescheidenem Umfang Wirklichkeit geworden.

Eduard Kuhlo wies den Dank und alle Anerkennung immer von sich und gab beides weiter an seine unermüd» liehen Mitstreiter für die gemeinsame Sache. Daran wurde sein bescheidenes Wesen überzeugend deutlich.

Ein einheitliches Programm lag diesen ersten großen Treffen zugrunde. In vielseitiger Abwechslung wurden Chöre, Motetten, Lieder und Choräle, auch klassische Oratorien geboten. Mädchen» und Jungmännerchöre traten in gegenseitigem Wettstreit auf. Hunderte von Posaunen» bläsem lieferten die unvergeßlichen Höhepunkte solcher Feste.

Am 3. Mai 1882 konnte bereits das 8. Vereinsfest in Herford gefeiert werden. Dazu waren aus nah und fern so viele Gäste zusammengekommen, daß die große Kirche die vielen Menschen nicht fassen konnte. Allein dreihun» dert Bläser waren beteiligt. Die Mädchenchöre stellten sechshundert Sängerinnen. Nach dem Gottesdienst wurde vor der Kirche in Herford der Choral geblasen: „Wachet auf, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne!"

Auch der ernste Trauermarsch von Händel mußte drau» ßen wiederholt werden. Über allem aber schwebte der Taktstode Eduard Kuhlos. Viele Besucher mußten zugeben: So etwas ist noch nie dagewesen!

Immer wieder ging Kuhlo der jungen Generation nach, die zu einem großen Teil solche Veranstaltungen mittrug und gestaltete. Manche Nachtstunde war von unermüd» lichem Planen und vom Nachdenken über neue Wege aus» gefüllt.

Darüber kam die Gemeindeseelsorge nicht zu kurz. Stundenlang konnte Kuhlo, wenn er gerufen wurde, sich die Probleme unglücklicher Ehen und Familien anhören, um dann mit einem echt seelsorgerlichen Wort zu helfen und zu heilen. Er verstand es auch, mit den Müden zu reden und die Leidenden und Trauernden wieder aufzu= richten. Dabei war ihm alles weichliche und schwächliche Wesen fremd. Er selbst war ein kräftiger, groß gewach= sener Mann, der, wenn es sein mußte, auch befreiend losdonnern konnte. Er wußte, daß zur rechten Zeit ein „Gewitter" eine „geladene" Atmosphäre am besten zu normalisieren geeignet war. Er hatte es ja mit erdgebun= denen Menschen von echtem Schrot und Korn zu tun. Und er wußte mit ihnen zu reden, platt so gut wie hochdeutsch, normal so gut wie „Fraktur"!

Seine schlichten Predigten scheuten nicht vor volkstüm= lieh derben Vergleichen zurück, wenn es darum ging, eine Sache deutlich und klar auszusprechen. Er war gegen alle Verniedlichung und falsche christliche Verzierung. Seine Verkündigung war darum anschaulich, zupackend und mitten aus dem Leben gegriffen, dazu originell, volkstüm= lieh und stets schriftgemäß. Von Spiegelfechterei und kunstvoll gedrechselten Sätzen auf der Kanzel hielt Kuhlo wenig. In der Familienseelsorge galt er als Anwalt geist= liehen Rechts, der oft um Rat und Hilfe in Erbstreitigkeiten und anderen Fällen gebeten wurde. Sein höchstes Ziel da= bei war immer, Frieden zu stiften. Aber er galt auch als unbestechlicher Mann, der nur eine Partei ergriff, die Partei des Wortes Gottes mit seiner richtenden und schlich= tenden Kraft. Darüber konnte er mit seiner eigenen Person ganz in den Hintergrund treten. Er war eben nicht Kom= mandeur und Rechthaber, sondern ein wirklicher Vater seiner Gemeinde. Hätten wir heute nur mehr solcher Väter!

Kuhlo haßte alle Selbstbeweihräucherung, Eitelkeit, Ehr= und Eigenliebe. Er lernte gern und nahm es dankbar an,

wenn der andere die besseren Argumente hatte, die er allerdings zuvor immer erst auf ihre Stichhaltigkeit an der Autorität der Schrift maß. Wenn etwas dieser Autorität entgegenstand, beharrte er unerschütterlich auf dem Recht des Wortes Gottes. Hier gab es für ihn kein Nachgeben, keine falschen Zugeständnisse.

In den langen Jahren der Wirksamkeit dieses Vaters der Gemeinde saßen viele Menschen unter seiner Kanzel: Weise und Ungebildete, Niedere und Hohe. Sie nahmen ihm seine Verkündigung ab, weil sie wußten, daß sie aus einem väterlich liebenden Herzen kam. Daß der Vater der Vereinsarbeit und der Posaunenchöre ein gesuchter Fest= redner war, lag in der Natur der Sache und in seinem geraden Charakter begründet. Er nannte die Dinge beim Namen und predigte nicht lange drumherum. Er bekämpfte allen widerchristlichen Liberalismus mit Wort und Tat und hatte eine saubere Theologie echter Frömmigkeit und Hingabe.

Allen Heuchlern und falschen Frömmlern konnte er kräftig die Maske vom Gesicht reißen. Herzlich soll er gelacht haben, als er die Geschichte hörte, die vom Vater Bodelschwingh erzählt wurde. Eine etwas eitle Dame soll zu Bodelschwingh gesagt haben: „Wie bin ich froh und stolz, daß ich Ihr wertes Angesicht einmal habe sehen dürfen!" Daraufhin habe sich Bodelschwingh umgedreht und zu seinem jungen Helfer gesagt: „Nehmen Sie ihr zwei Mark dafür ab, daß sie mein wertes Angesicht hat sehen dürfen!" So gibt es auch viele Geschichten um Eduard Kuhlo; ein Reigen von Legenden und Anekdoten hat sich um ihn gerankt. Man wird heute schwerlich nach= prüfen können, welche dieser Geschichten einen histori= sehen Kem haben.

Kuhlo hat seiner Gemeinde vierzig Jahre lang unver= fälscht und lebensnah das Evangelium als die Botschaft von der Erlösung verkündigt. Er war zugleich auch ein guter Vater und Haushalter seiner eigenen großen Familie.

Es gab viel Leben im Pfarrhaus. Viele seiner Besucher erzählten noch nach Jahren von den Erlebnissen im Hause Kuhlos. Auch er selbst erzählte gern von Erlebnissen mit seinen Kindern. Die Musik wurde besonders gepflegt, wie sich das bei einem Mann wie Eduard Kuhlo von selbst versteht. Bis ins hohe Alter hinein erfreute er sich trotz der vielen Strapazen, die er sich und seinem Körper auf= erlegte, einer eisernen Gesundheit. Ärzte und Apotheker konnten nicht viel an ihm verdienen. Seine Kraft schien fast unverwüstlich, was ihm immer wieder auch die An= erkennung seiner Jugendgruppen und Vereine einbrachte.

Erst seit dem Tode seiner Frau brach er mehr und mehr körperlich zusammen. Im Jahre 1889 nahm Gott, der All= mächtige, die treue Lebensgefährtin von der Seite des unermüdlichen Mannes. Dennoch war Kuhlo in dem stren= gen Winter 1890/91 bei bitterster Kälte wochenlang zu Hausbesuchen unterwegs, die ihn bis in die entlegensten Teile seiner weit verstreuten Gemeinde führten. Er hat damals ungefähr tausend Mark für die Barmer Mission gesammelt, eine große Summe in jener Zeit.

Bei diesen Kollektenbesuchen hatte er seinen Kräften wohl zum erstenmal zu viel zugemutet. Der früher kem= gesunde Mann wurde krank und mußte fest zu Bett liegen. Eine schwere Lungenentzündung machte ihm viel zu schaffen. Aber noch in seinen hohen Fieberphantasien beschäftigte er sich mit seiner Gemeinde. Er redete platt= deutsch im Fieber.

Das Krankenbett wurde zum Sterbebett. Eduard Kuhlo spürte das ständige Nachlassen seiner Kräfte und merkte, daß es zu Ende ging. Er fügte sich demütig in Gottes Willen und wehrte sich nicht gegen den Zugriff des Todes. Am 19. März des Jahres 1891 um F26 Uhr morgens schlug seine letzte Stunde. Ein Diakon hatte ihn treu und hin= gebend gepflegt. Er rief auch rechtzeitig die Kinder und die Angestellten herbei. Kuhlo ließ die um ihn versam= melte Hausgemeinde singen, weil er Jammer und Klagen nicht gern hatte. Sie sangen. Schließlich wünschte sich Eduard Kuhlo den Choral „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir ..."

Danach sank der Kopf erschöpft in die Kissen zurück. Sein letztes Wort, das von den Zeugen seines Sterbens überliefert ist, lautete: „Erlöst!" Dann war er daheim. Er durfte schauen, was er ein Leben lang geglaubt und ver= kündet hatte.

Am 23. März des Jahres 1891, an einem Montagnach= mittag, wurde Pastor Eduard Kuhlo begraben. Eine end= lose Zahl von Menschen aller Stände und Schichten be= wegte sich zur Kirche und durch die Dorfstraßen zum Friedhof hin. Die ganze Gemeinde, viele Leute der Nach» bargemeinden, Vereine, Posaunenbläser und Amtsbrüder gaben ihm das letzte Geleit. Der Sarg war über und über mit Kränzen und Blumen zugedeckt. Er war zuerst auf der Diele des Pfarrhauses aufgestellt. Es war ein Fest des Lebens und des Sieges über den Tod. Über hundert Bläser und viele Sänger verkündeten den Ostersieg. Alle Vereine der Umgebung waren erschienen. Superintendent Schma» lenbach hielt dem toten Freund die Grabrede. Dann wurde der Sarg durch die langen Reihen der Teilnehmer in die Kirche getragen. Pastor Möller aus Gütersloh verkündigte über dem Sarge die Botschaft der Auferstehung. Nach der Predigt bewegte sich der Trauerzug unter Posaunenklän» gen und Glockengeläut zum Gottesacker.

Ein Vater der Gemeinde, ein Vorbild seiner Kinder wurde begraben. Aber sein Erbe und Vermächtnis lebten fort, am stärksten und umfassendsten wohl in Johannes Kuhlo, dem Posaunengeneral, der die schlichte Gläubig» keit des Vaters, dessen Temperament und Hingabe, seine Originalität und Musikalität erbte und weitertrug.

Johannes Kuhlo über seinen Vater

Unter den hinterlassenen Aufzeichnungen Johannes Kuhlos finden wir eine kurze Biographie seines Vaters. Sie ist in der originellen Art des „Posaunengenerals" geschrieben und zeugt von der Liebe des Sohnes zum Vater, dessen Mitarbeiter er zwanzig Jahre lang sein durfte:

Für Pastor Eduard Kuhlo, den Begründer der Posaunen= musik, war es eine Herzenssache, auch in seiner Gemeinde Gohfeld den Missionseifer neu zu wecken. Er selber war unermüdlich tätig, Gaben zu sammeln; und er verstand es, die Herzen opferwillig zu machen.

Als er einmal in einem Haus als Bittsteller für die Mis= sion erschien, nahm der Hausherr in die eine Hand ein Goldstück, in die andere ein Silberstück und erklärte: „Was Sie erraten, das Silber= oder das Goldstück, soll für die Mission sein."

Mein Vater gab schlagfertig zur Antwort: „Mein ist beides, Silber und Gold, spricht der Herr" (Hagg. 2, 8).

Lachend gab der Überraschte beides, das Silber= und das Goldstück, für die Mission.

Kein Wunder, daß mein Vater auch für andere Werke christlicher Liebestätigkeit seiner Gemeinde Opfer zu= muten durfte. Das sollte einmal Vater Bodelschwingh er= fahren, als er seinen Freund in Gohfeld besuchte:

Mein Vater hatte das große Nachbarhaus der Kirche angekauft und darin ein Pflegeheim für Alte aus der Ge= meinde eingerichtet. Bodelschwingh sollte es einweihen und zugleich Schwester Anna Stahlberg als Leiterin ein= führen. In der Sakristei fragte Bodelschwingh meinen Vater: „Du, wir haben doch nicht denselben Text? Mir ist das beim letzten Missionsfest vor acht Tagen passiert". „Nur keine falsche Furcht", gab mein Vater zur Antwort, „das passiert hier nicht. Ich habe gar keinen Text, ich habe nur vierundzwanzig Teile!" „O weh", meinte Bodel= schwingh, „dann erreiche ich meinen Zug nicht mehr!"

„Sei unbesorgt, ich bin mit meinen vierundzwanzig Teilen eher fertig als du mit deinen dreien!"

Eine halbe Stunde predigte Bodelschwingh; dann trat mein Vater vor den Altar. Er ließ den Jungfrauenchor dreistimmig, den Jünglingsverein vierstimmig und beide zusammen im Gemischten Chor singen. Dann begann er:

„Wir haben von der Kanzel in drei Teilen gehört, was für die Seele der Pflegebefohlenen und für unsere eigene vonnöten ist. Aber wir haben auch einen Leib. Und da haben die Pflegebefohlenen vierundzwanzig Teile nötig. Erstens: das tägliche Brot! Kirchmeister Koch (er war Bäckermeister), wollt Ihr das erste Vierteljahr das Brot liefern?" „Jawohl, Herr Pastor!" war die Antwort des Überraschten.

„Erster Teil fertig!" sagte mein Vater, „zweitens: Milch! Kolon Wegener! Ihr wohnt doch gerade gegenüber. Wollt Ihr das erste Vierteljahr die Milch hinüberbringen?"

„Jawohl, Herr Pastor!"

„Zweiter Teil fertig! Drittens: Kolon Meier! Wollt Ihr das erste Vierteljahr die Eier hergeben?"

„Jawohl, Herr Pastor!"

„Dritter Teil fertig! Viertens: Das Pflegehaus hat Speck und Schinken nötig. Kolon Sander vom Holze, wollt Ihr die in den Wiemen aufhängen?"

„Jawohl, Herr Pastor!"

Und so ging es weiter bis zum elften Teil. Dann fuhr mein Vater fort: „Die Umgebung des Pflegehauses muß tief umgegraben werden. Morgen früh um fünf steht Pastor Kuhlo mit der Grabschute auf dem Pflegehof. Steht Ihr zwölf Presbyter auch da?"

„Jawohl, Herr Pastor!" antwortete es vom Presbyterium her, zwölfstimmig gleich.

„Dann sind die vierundzwanzig Teile fertig", schloß mein Vater und ließ den Posaunenchor noch einen Bach= sehen Choralvers blasen.

Ein Bachchoral in einer Dorfgemeinde! Mutete der Pastor seinem Chor nicht zu viel zu?

Nicht mehr, als wenn er seine Gemeinde die Choräle in ihrer rhythmischen Form singen ließ oder mit den jungen Männern und den Mädchen seiner Gemeinde den mehr= stimmigen Choralgesang pflegte. Freilich war dazu eine planvolle Erziehungsarbeit notwendig, denn solches Singen war damals auf dem Dorf etwas ganz Neues. Wie neu, das habe ich als Achtjähriger erleben können: Als an einem der ersten Übungsabende der zweite Baß seine Stimme zu dem Choral „Ach, bleib mit deiner Gnade . . ." eingeübt hatte, schüttelte der „alte Stoffer" den Kopf und ließ sich also vernehmen: „Herr Pastor, de nije Melodie gefällt mi overs gar nich!"

Mein Vater entgegnete nur kurz: „Kummt morgen ovend weer!"

Am nächsten Abend kam der erste Baß an die Reihe, worauf Stoffer:

„Düsse Melodie gefällt mi erst recht nich!"

„Kummt morgen ovend weer!"

Am dritten Abend übte der zweite Tenor seine etwas monotone Stimme, da ließ sich Stoffer unwillig hören: „Herr Pastor, wi witt upphören!" („Wir wollen auf= hören!")

„Stoffer, bidde, noch eenen Ovend!" sagte mein Vater.

Als am nächsten Abend alle vier Stimmen zugleich singen wollten, bat Stoffer entsetzt: „Herr Pastor, dut Se es nich, et givt 'n Unglücke!"

Nun begann der mehrstimmige Gesang. Da rief Stoffer am Schluß beglückt und endlich überzeugt aus: „Lüe, Lüe, wat et düt! Sin wui in 'n Himmel? Dat lütt ja neo wäcke= der osse dat Spelmusik von use ganze Orgel!" („Leute, Leute, was ist das! Sind wir im Himmel? Das klingt ja noch besser als die Spielmusik von unserer ganzen Orgel!")

Was so unter der geduldigen und zielsicheren Leitung meines Vaters in den Singstunden an neuen Liedern ein= geübt war, das wurde nun ins Leben der Gemeinde hinaus= getragen. Es verging kein Festtag im Kirchenjahr, kein Gedenktag in der Gemeinde, an dem nicht im Gottesdienst die Choräle in ihrer rhythmischen Form oder in Bachscher Vertonung mehrstimmig von der Orgelempore erklangen. Mein Vater gab damit auch für andere Gemeinden ein Beispiel, das sich bis in die nächste Generation erstreckte.

Der Musikwissenschaftler Waldemar von Baussnern hat im Blick auf die Wiedererweckung des protestantischen Chorals festgestellt: „Nicht nur die neue Singebewegung hat die Urpracht der Choräle wieder ans Licht gezogen, das haben Zahn und Kuhlo schon Mitte des vorigen Jahr= hunderts getan."

Im kleinen Kreis seiner Gemeinde hat mein Vater bei= nahe mehr noch für die Posaunenmusik getan. Dieses Werk ist in aller Stille der Anfangsarbeit herangereift, zunächst nur mit dem Blick auf den meinem Vater anver= trauten Bereich. Dann hat sich an diesem Stück einer im Reiche Gottes angefangenen Arbeit das Gleichnis vom Senfkorn erfüllt: Das Werk ist ins Ravensberger Land hinausgewachsen und dann in die Weite der deutschen evangelischen Christenheit, bis es einen weltweiten Zug bekam.

Ich wollte zunächst nichts anderes, als selber musizieren, selber ein Teil der klingenden Welt werden, die ich im Vaterhaus und sonntags in der Dorfkirche erlebte.

Weihnachten 1862 hatte ein Freund von mir ein Post= horn geschenkt bekommen. Dann konnte ich als Sechs= jähriger besser darauf blasen als er. Von da ab wollte ich Postillion werden, damit ich auch einmal in den Besitz eines in meinen Augen so kostbaren Instrumentes kom=

men möchte. Mein Wunsch sollte schon früher erfüllt werden.

Im Frühjahr 1865 gründete mein Vater den Gohfelder Posaunenchor. Als Achtjähriger bekam ich natürlich noch kein Instrument, obwohl ich zu meiner Freude auf allen Instrumenten blasen konnte.

Ein gutes Vierteljahr später kam ein neuer Schub In= strumente an, darunter eine nicht bestellte kleine Alt= posaune. „Zurück damit", hieß es, „die kann ja kein Mensch blasen!"

Ich schlich mich mit ihr fort und kam bald zurück: „Vater, ich kann die Tonleiter darauf blasen!"

„Du Purk! Wenn du das kannst, sollst du sie haben!"

Die Tonleiter erklang, mein Vater war ehrlich über= rascht: „Wort muß man halten!"

Und wer war glücklicher als ich mit dem neuen In= strument!

Am nächsten Sonntag schmetterte ich zum Ausgang des Gottesdienstes so laut zwischen die anderen Bläser in die Kirche, daß der „dulle Krischan", ein alter Regiments* trompeter, sich schmunzelnd umdrehte: „Hew de Pastoren* jung over n' Puste!"

Da faßte mich mein Vater unsanft am Arm: „Hör mal, wenn du noch einmal so in die Kirche hineinlärmst, nehme ich dir die Posaune wieder weg. Es steht geschrieben: Was lieblich ist, was wohllautet, dem denket nach!"

Die Lektion wirkte Wunder. Ich übte von Stund an jeden Tag das Pianissimo und konnte es bald so leise blasen, daß man schon im Nebenzimmer nichts mehr da* von vernahm.

Ich ahnte noch nicht, was das für eine seltene Kunst ist auf dieser armen Erde ...




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