Von Alexandre Dumas Schildkröten legen in diesem Buch ein Tempo vor, dass sie „Gazelle




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ROLF-BERNHARD ESSIG / Süddeutsche Zeitung, 26.07.2007

Die Welt als Feinkostladen
Tolldreist: „Kapitän Pamphile” von Alexandre Dumas

Schildkröten legen in diesem Buch ein Tempo vor, dass sie „Gazelle” getauft werden, und sie gehören eher zu den gewöhnlichen Tieren des fabelhaften Romans. Da fressen Boas Wölfe, Eichhörnchen segeln mittels ihrer erhobenen Schwänze über den St.-Lorenz-Strom, Bären sprengen Hochzeitsgesellschaften, und Affen pulen ihren toten Artgenossen Pralinenmus aus den Backentaschen. Einige dieser Wesen leben im Atelier des Malers Decamps, zwei davon hat der bretonische Kapitän Pamphile höchstselbst gefangen.


Die charaktervollen Tiere und die Abenteuer des Kapitäns sind die beliebtesten Themen, wenn in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts bei Decamps die Freunde zusammenkommen, um zu erzählen und zu rauchen. Die Ereignisse im Salon dieser französischen Serapionsbrüder bilden die Rahmenhandlung für die von ihnen erzählten Geschichten und alles zusammen den so reizvollen „Kapitän Pamphile”.
Eher zufällig entwickelte sich in den Jahren 1834-1839 aus einigen Kurzgeschichten der veritable Roman, der sich auch einer laxen Haltung in Fragen geistigen Eigentums verdankt. Indianerbücher Coopers beklaute Dumas so skrupellos wie Fabeln La Fontaines, Piratenromane plünderte er so frech wie Voltaires Werke. Da er aber all das parodiert und dabei die Genres auf die Spitze treibt, erweist er sich keineswegs als plumper Epigone, sondern vielmehr als geistvoller Anverwandler. Dumas verleiht den hart gegeneinander gesetzten Bohème-Anekdoten und Abenteuergeschichten innere Stabilität, indem er selbst darin als Erzählerfigur wie überaus höflicher Partner des Lesers auftritt und die unglaublichsten Szenen in größter Gelassenheit darbietet. Diese stilistische Geläufigkeit ermöglichte ihm ja erst – neben der Fülle an Mitarbeitern, die er im Laufe der Zeit anstellte – ein Riesenwerk von knapp 600 Bänden zu schaffen.

„Kapitän Pamphile” steht am Beginn dieser erfolgreichen Prosafabrikation. Damals spielt Dumas noch nicht mit dem Melodramatischen, das später zu seinem Markenzeichen wurde. Dieses Buch beherrscht ein souverän ironischer Stil, den Jörg Trobitius gewitzt und sensibel ins Deutsche übertragen hat. Die durchaus gemütliche, distanzierende Ironie lässt gerade Grausames oder Widerlichstes erst recht zur Wirkung kommen in diesem schrecklich-komischen Roman.


Wie gekonnt wirft der Anfang hinein in die Handlung und ins Lachen. Der Erzähler rettet eine Schildkröte davor, im Suppentopf eines Engländers zu landen, der sie allerdings – zum Selbstmord entschlossen – als seine Henkersmahlzeit ausgesucht hatte. Natürlich ist das klischeehafte Komik, aber das Todesthema beunruhigt von Beginn an leis die leichte Lektüre. Herrlich flott liest sich das Buch, tempo- und überraschungsreich unterhält es, spart nicht mit naturromantischen Passagen und märchenhaftem Grauen, erfreut sich aberwitziger Wendungen und satirischer Spitzen. Es ist auf den ersten Blick exzellent harmlose Unterhaltung. Aber immer wieder einmal, ob es um das Geschehen in der Boheme geht oder um die Abenteuer des Kapitän Pamphile, wächst im Leser Empörung: Wie schrecklich kommen die Tiere um, wie kalt experimentiert man mit ihnen, wie skrupellos handelt der Kapitän!
Zum Beispiel beim Verstauen von 320 Sklaven auf achtzig Quadratfuß, denn mehr Raum ist auf dem Schiff nicht: „Zum Glück waren es nur Menschen; hätte es sich bei ihnen um normale Ware gehandelt, wäre die Sache physisch unmöglich gewesen; doch ist die menschliche Maschine eine so wunderbare Sache, sie ist mit so flexiblen Gelenken ausgestattet, sie hält sich so leicht auf den Füßen oder auf dem Kopf, auf der rechten Seite oder auf der linken Seite, auf dem Bauch oder auf dem Rücken, dass man schon recht ungeschickt sein muss, um nicht seinen Vorteil daraus zu ziehen …”
Nun, Kapitän Pamphile verliert „dank der väterlichen Fürsorge, die er seiner Ladung angedeihen” lässt, bis zum Bestimmungsort nur „zweiunddreißig Neger”. Diesen Handel mit menschlichem „Ebenholz” beschreibt der Erzähler wie andere Ungeheuerlichkeiten ungerührt im gleichen Stil wie manch plumpe Schnurre; und damit viel wirkungsvoller als im Ton bitterer Anklage. Dumas war übrigens Enkel einer schwarzen Sklavin, sein Vater kam durch die französische Revolution frei und stieg bis zum General auf, er selbst brachte es vom Notarschreiber zum berühmten Schriftsteller. Das hielt Gegner nicht davon ab, ihn öffentlich als „Neger” zu beschimpfen.
Mit wünschenswerter Klarheit zeichnet Dumas den Europäer des 19. Jahrhunderts in „Kapitän Pamphile” als einen Menschen mit unstillbarem Appetit, der die Welt nur als einen riesigen Feinkostladen sieht. Wer sich nicht selbst bedient, ist dumm. Es ist die schwarze Grundierung der bunten Abenteuer-, See-, Tier- und Boheme-geschichten, welche die Farben dieses immer unterhaltsamen Romans auf besondere Weise schillern lässt.


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