Süddeutsche Zeitung Kultur, Seite R10 Mittwoch, 20. Juni 2012




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Süddeutsche Zeitung Kultur, Seite R10 Mittwoch, 20. Juni 2012

Der Liederschreiber und die Verwerter



Akademie der Schönen Künste mit dem „Krämerspiegel“ von Strauss

München – Es würde einen nicht wundern, wenn die Piratenpartei den „Krämerspiegel“ irgendwann auf ihrer Homepage als kostenlosen Download anböte. In dem selten gehörten Liederzyklus beschimpft ausgerechnet Richard Strauss, der bekanntlich zu den wichtigsten Initiatoren des strikten deutschen Urheberrechts gehörte, die Verleger – im Piratenslang also: die Verwerter – als blutsaugende Wanzen, „Schröpferschwarm“ oder „Bazillenträger“, die den Reibach machen, während der Autor finanziell im Regen steht.

Denn auch Strauss hatte durchaus etwas gegen die Verwertungsgesellschaft Gema, wie man nun von Hartmut Schick, dem Projektleiter der kürzlich begonnenen kritischen Richard-Strauss-Gesamtausgabe, erfahren konnte. Im Gegensatz zur GDT, der „Genossenschaft Deutscher Tonsetzer“, die Strauss im Jahr 1903 mitbegründet hatte, nahm die 1915 gegründete Gema zu Beginn vor allem die finanziell einträglichen Schlager- und Operettenkomponisten auf, erläuterte Schick in der Reihe „Im Dialog mit Richard Strauss“ der Bayerischen Akademie der Schönen Künste,.

Also nutzte Strauss eine lästige Pflicht, um seinem Ärger Luft zu machen: 1903 hatte er, seinerseits bekanntlich sehr geschäftstüchtig, an Bote & Bock seine „Sinfonia domestica“ für 35 000 Mark verkauft. Die Summe war derart unverschämt, dass der Verlag sich sechs Klavierlieder sozusagen als Bonus ausbedingte. Strauss komponierte aber nur drei, weil er danach zwölf Jahre lang jedes Interesse am Liederschreiben verlor. Doch der Verlag betrachtete die Sache keineswegs als verjährt. Im Jahr 1917 also bekam Strauss eine Klageandrohung. Empört bat der Komponist den Kritiker Alfred Kerr, der bekanntlich ziemlich boshaft sein konnte, um die Texte zu gleich zwölf Liedern, die laut Hartmut Schick vor allem eins sein sollten: „garantiert weder publizier- noch aufführbar“.

Wird der „Krämerspiegel“ doch einmal aufgeführt, ist der Andrang in der Strauss-Stadt München noch heute entsprechend groß. Am Eingang der Akademie mussten zahlreiche Hörer abgewiesen werden. Verpasst haben sie in der Tat etwas: Die Sopranistin Sarah Maria Sun verfügt problemlos über den langen Atem, den gewaltigen Ambitus und die Höhe für einen Komponisten, der selbst beim Ausflug in die Kleinkunst auf Opernniveau besteht. Sun kommt eher aus der Neuen Musik, ist Mitglied der Neuen Vocalsolisten und war kürzlich etwa auch bei Münchener Biennale zu hören. Sprich: Sie hat nicht die mindesten Hemmungen, Strauss zugunsten der Textverständlichkeit dem klassischen Cabaret-Song anzunähern und parodistische Elemente wie betont überlange Klaviernachspiele auch darstellerisch voll auszukosten. Schönbergs Brettl-Lieder lassen grüßen – auch wenn der Klavierpartner Jan-Philip Schulze nicht allzu perfekt vorbereitet wirkt.

Wenn Strauss in dem ursprünglich „Die Händler und die Kunst“ genannten Zyklus also Bote & Bock einen gefräßigen Bock schimpfen darf, Breitkopf & Härtel in „Breitkopf und härter“ umtauft und seine eigenen Kompositionen rauf und runter zitiert, dann ist das durchaus der „Musikerhumor“, über den schon Adorno bei Strauss die Nase rümpfte. Aber der Garmischer, der bekanntlich stolz drauf war, notfalls auch eine Speisekarte vertonen zu können, hat auch hier beste Musik hinterlassen. Was die Verwerter leider wiederum anders sahen. Bote & Bock, berichtet Schick, zitierten Strauss vor das Berliner Amtsgericht, das ihn verdonnerte, „sechs richtige Lieder“ aufzuschreiben. Und Strauss nahm es ein weiteres Mal mit Humor: Mit insgesamt 15-jähriger Verspätung lieferte er sein Opus 67, bestehend aus – drei Liedern der verrückt gewordenen Ophelia nebst drei Vertonungen aus dem „Buch des Unmuts“ in Goethes „West-östlichem Diwan“.

Michael Stallknecht




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