Quelle: Süddeutsche Zeitung, 21. Dezember 2007, Seite 1, Das Streiflicht Den Tod auszutricksen ist ein Wunsch, der die Menschheit seit Einführung des Todes beseelt




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(Quelle: Süddeutsche Zeitung, 21. Dezember 2007, Seite 1, Das Streiflicht)
Den Tod auszutricksen ist ein Wunsch, der die Menschheit seit Einführung des Todes beseelt. Allerdings sind Erfolgsmeldungen in dieser Sache ziemlich rar, oder aber sie haben einen faden Beigeschmack. Ernüchternd ist beispielsweise das Schicksal des altgriechischen Jünglings Tithonos, dem auf Betreiben seiner Gattin Eos das ewige Leben gewährt wurde. Mit den Jahren jedoch schrumpfte der Unsterbliche dermaßen zusammen, dass er in eine Zikade verwandelt werden musste, um ihm ein halbwegs würdevolles Seniorendasein zu sichern. Eine andere Methode zur Lebensverlängerung hat der in Bayern populäre Brandner Kaspar ins Gespräch gebracht, als er dem Tod mit betrügerischem Kartenspiel 18 zusätzliche Jahre abgewann. Glücklich ist er damit nicht geworden, weshalb auch dieser Verfahrensweise der Durchbruch versagt blieb. Das heißt aber nicht, dass der Mensch sämtliche Hoffnungen auf eine Aufenthaltsverlängerung fürs Diesseits begraben hätte. Selbst wenn es ihm so mies geht, dass er nicht mehr leben möchte, will er doch keinesfalls sterben.

Ermutigendes kommt, wie zuletzt häufig, aus der fabelhaften Welt der Fadenwurmforschung. In einem Labor in Seattle haben Wissenschaftler eine Kolonie Fadenwürmer – Stammtischbrüder kennen sie unter dem Namen Caenorhabditis elegans – mit 88 000 chemischen Substanzen traktiert, wobei herauskam, dass so ein Wurm länger lebt, wenn er das Medikament Mianserin einnimmt. Es ist gerade so, als hätte der Wurm dem Sensenmann mit Kartentricks ein paar Extratage abgeluchst. Und es werden glückliche Tage sein, ein euphorisches Ringelreihen im Gewürm, denn bei dem Medikament handelt es sich um ein Antidepressivum. Noch als zusammengeschnurrter Greis wird er sich fröhlich durchs Leben winden, und könnte er singen, sänge er: „Heut geh’ ich ins Maxim.“



Leider ist die Wurmforschung noch nicht so weit, dass man sagen könnte: Was dem Wurm nützt, nützt auch dem Menschen. Generell ist Caenorhabditis elegans etwas einfacher gestrickt, was den Vorteil hat, dass er ohne Kreditkarte und Psychoanalytiker über die Runden kommt. Wenn künftig mit Antidepressiva vollgepumpte Fadenwurmsenioren die Labore bevölkern, ist dies auch kein Problem für die Rentenkasse. Sofern die Tiere überhaupt etwas wurmt, dann ist es das Versäumnis des Schöpfers, sie mit ordentlichen Ohren auszustatten. Hätten sie welche, könnten sie hören, wie herrlich der Münchner Komponist Jörg Schaffer ihren Zellstammbaum vertont hat. Den Part der Nervenzellen übernehmen dabei die Streicher, den der Schlundzellen die Holzbläser, und was die Darmzellen musikalisch verkörpern, bringen Pauken zu Gehör. Ob es sich um unsterbliche Musik handelt, ist noch offen. Aber vielleicht reicht’s zum Ohrwurm.


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