Konrad Löw, Adenauer hatte recht – Warum verfinstert sich das Bild der unter Hitler lebenden Deutschen?




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Konrad Löw, Adenauer hatte recht – Warum verfinstert sich das Bild der unter Hitler lebenden Deutschen? London/Berlin, Verlag Inspiration UnLimited, 2014, br., 204 S., Nachwort von Alfred de Zayas,14,90 €, ISBN 978-3-98121108-5

Der Jurist und Politikwissenschaftler Konrad Löw (*1931) widmete sich als Zeitzeuge ein Forscherleben lang der Umsetzung der Menschen- und Bürgerrechte in Deutschland und Europa. Seine Thesen belegte er stets nach sehr gründlicher Quellenrecherche und widerlegte in seinen Publikationen materialreich jene, die als Verfechter der Kollektivschuldthese unter dem Vorzeichen einer political correctness Beifall in den Medien im main stream suchten und gelegentlich auch – wie der Autor belegt – amtlicherseits und aus Kreisen der Fachwelt unwidersprochen blieben.


Konrad Löw spannt im vorliegenden Band den Bogen von der Erklärung des ersten Nachkriegskanzlers, Dr. Konrad Adenauer, vor dem Plenum des Deutschen Bundestags am 27.09.1953 und der Erklärung der deutsch-israelischen Schriftstellerin Inge Deutschkron ebenda am 30.01.2013.
Adenauers Aussage erfolgte nicht im Alleingang, war „mit Repräsentanten des Judentums abgestimmt“ und lautete im Klartext: „Die Bundesregierung und mit ihr die große Mehrheit des deutschen Volkes sind sich des unermesslichen Leides bewusst, das in der Zeit des Nationalsozialismus über die Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten gebracht wurde. Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden begangenen Verbrechen verabscheut und hat sich an ihnen nicht beteiligt“. Laut Protokoll gab es „lebhaften Beifall im ganzen Haus außer bei der KPD und auf der äußersten Rechten“ [SRP]. Der Autor hinterfragt zurecht den Dissens zwischen Adenauers und Deutschkrons Aussagen, der trotz jahrzehntelanger zeitgeschichtlicher Forschung und Aufklärung 2013 unwidersprochen blieb, und erwartet von Norbert Lammert, dem Präsidenten des Deutschen Bundestages, eine Klarstellung, um zu vermeiden, dass sich hieraus ein „deutsches Schulddogma gegen Adenauer und den Deutschen Bundestag von damals verfestigt, das nicht mehr hinterfragt werden darf“.
Löws Publikationen zur „Frage aller Fragen“ der deutschen Zeitgeschichte (Götz Aly, 2011) bieten nicht nur unbekannte Quellen, die unverdächtig sind, als Belege für revisionistische Thesen herhalten zu können: Schlüsselzitate von Zeitzeugen wie Victor Klemperer mit dem Tagebucheintrag vom 04.10.1941 („Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“ ) oder die auf S. 13 zitierte Einschätzung von Löws Forschungsertrag in dem Buch „Deutsche Schuld 1933-1945? Die ignorierten Antworten der Zeitzeugen“ (2011) durch Günther Heydemann lassen aufhorchen, wenn man bedenkt, dass dem Autor „Makulatur, Verleumdung und Boykott widerfahren“ sind. Sie bestätigen u.a. das Urteil Martin van Crevelds von der Hebräischen Universität in Jerusalem: „In der deutschsprachigen Welt, und nicht nur dort, stehen die bei Weitem höchsten Hürden für das freie Denken um den Nationalsozialismus und den Holocaust“ (Focus 39, 2010).
In der aktuellen Monographie setzt sich Konrad Löw u.a. auseinander mit einer „Bewältigungsindustrie“ und erwähnt exemplarisch: das nach einem Verfahren im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages seit 2009 nicht mehr durch die BZpolB ausgelieferte Werk Robert Gellately's „Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk“ (dt. Lizenzausgabe von „Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany“ [engl., 2001]), die Kontroverse um die Dokumentation zur Berliner Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ (DHM, 2010) oder die noch anhaltende Debatte über eine Auftragsarbeit (880 S.) zum Thema „Das Amt und die Vergangenheit. Die deutschen Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ (Initiator war Außenminister Joschka Fischer; publiz. 2010), v.a. hinsichtlich der These, das AA habe am 17.09.1941 die „Initiative zur Lösung der Judenfrage auf europäischer Ebene“ ergriffen. Dass Walter Scheel in dieser Situation „für mehr Diskussionskultur“ plädiert (FAZ vom 21.03.1012), ist ein klarer Hinweis darauf, dass zwischen dem Anspruch und den Ergebnissen des in 6 Aufl. abgesetzten Werkes erheblicher Erklärungsbedarf besteht - Warum ist die Publikation (trotz Mängeln) dennoch ein Verkaufsschlager?
Der Jurist Konrad Löw setzt ausgewählten Einzelbeispielen amtlicher Dokumente von damals und Belegen einer politischen Tendenz aus der jüngsten Zeitgeschichte sein Bekenntnis zur Detailprüfung im Einzelfall gegenüber, um an den Begriffen Schuld und Verantwortung aufzuzeigen, wie sehr widerständiges Verhalten in der NS-Diktatur ein sicheres ethisch-moralisches Fundament so handelnder Personen damals und hinsichtlich der Interpretation, rechtlichen Bewertung und historischen Deutung nach 1945 voraussetzt: (Nicht-) Wahrnehmung von Unrecht, Relativierung der Maßstäbe durch die Kollektivschuldthese oder die „Dämonisierung“ Hitlers, „Wegschauen“ damals und „Weglassen und Nichtbeachtung, ja Ignorieren von Zeitzeugnissen“ heute – auch dokumentiert am Umgang mit dem Autor, der zeitweise als „Ketzer stigmatisiert“ und dessen Thesen (hier: Bsp. im Anhang S. 181-199) durch die Bundeszentrale für politische Bildung „makuliert“ wurden (Or. im Deutschland Archiv 2, 2004, 239 ff.) oder anhand eines Schlaglichts aus der Lehrplan- und Schulbucharbeit, wo sich unter dem Vorwand moderner Didaktik in jüngerer Zeit geradezu ein Furor aus perniziösem Vereinfachungsdrang („Entlastung“) und inhaltlicher Kürzungen „von oben“ zwangsläufig ergeben hat, dem deutlich Einhalt geboten werden müsste.
Zusammenfassend sieht der Autor Anlass zur Hoffnung („noch ist Deutschland nicht verloren“) und erwähnt namhafte Zeitzeugen, die ihm Mut machten, wie Klaus von Dohnanyi, Joachim Fest, Alfred Grosser, Niels Hansen oder Alfred de Zayas, die seine Publikationen mit Vor- und Nachworten empfehlend bedacht haben. Aufhorchen lassen in diesem Kontext auch die aktuellen Thesen von Christopher Clark über die Vorgeschichte des 1. Weltkriegs, von dem „eine direkte Linie in den 2. Weltkrieg und in den Kalten Krieg führte“ (zit. nach Berthold Seewald: „Besessen von der deutschen Kriegsschuld“, Die WELT vom 25.10.2013) und seine Reaktion auf fünf Historiker, die ihn dafür angegriffen haben: „Nur in Deutschland wird mir vorgeworfen, ich wäre deutschfreundlich“ (S. 143).
Konrad Löws persönliches Fazit: „Die Wahrheit ist zumutbar!“ - Er sieht die Notwendigkeit, die historische Wahrheit aus den schriftlichen Quellen und Zeitzeugenberichten herauszuarbeiten und appelliert an die Fachwelt: „Ad fontes!“ Denn die zentrale Frage, „wie es kam, dass ein so zivilisiertes, fortschrittliches Volk wie die Deutschen etwas so Barbarisches wie die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der Juden dulden und ins Werk setzen konnte“ bedarf noch intensiver, multiperspektivischer Forschung. In seinem Nachwort begrüßt Alfred de Zayas „die Aufrichtigkeit Löws, 'die Frage aller Fragen' zu stellen. Er sieht in dem aktuellen Werk Löws ein “ehrliches Buch, so aktuell und notwendig, einen Appell für eine umfassende Kontextualisierung der Geschichte gegen Pauschalie-rung und Verallgemeinerung“ (S. 180).

Der Rezensent empfiehlt diesen Band auch deshalb für die Hand des Geschichtslehrers wegen der vorurteilsfreien Berücksichtigung eines breiten Fächers von Zeitzeugenaussagen, die für eine individuelle Urteilsbildung von Schülern, Studenten und zeitgeschichtlich Interessierten hilfreich sind. Das Buch dient auch in hohem Maße der politischen Bildung – belegbar an den ausgewählten positiven wie deutlich zu hinterfragenden Beispielen zu den Grundwerten Forschungs- und Meinungsfreiheit.



Willi Eisele

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