Gotthold Ephraim Lessing Nathan der Weise Personen




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Sechster Auftritt


Die Vorigen und Daja eilig.

Daja.       Nathan! Nathan!

Nathan.             Nun?

Daja.
Verzeihet, edler Ritter, daß ich Euch
Muß unterbrechen.

Nathan.       Nun, was ist's?

Tempelherr.             Was ist's?

Daja.
Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will
Euch sprechen. Gott, der Sultan!

Nathan.       Mich? der Sultan?
Er wird begierig sein, zu sehen, was
Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei
Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.

Daja.
Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,
Euch in Person, und bald; sobald Ihr könnt. -

Nathan.
Ich werde kommen. - Geh nur wieder, geh!

Daja.
Nehmt ja nicht übel auf, gestrenger Ritter -
Gott, wir sind so bekümmert, was der Sultan
Doch will.

Nathan.       Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!

Siebenter Auftritt


Nathan und der Tempelherr.

Tempelherr.
So kennt Ihr ihn noch nicht? - ich meine, von
Person.

Nathan.       Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.
Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
Von ihm, daß ich nicht lieber glauben wollte,
Als sehn. Doch nun, - wenn anders dem so ist,
Hat er durch Sparung Eures Lebens ...

Tempelherr.       Ja;
Dem allerdings ist so. Das Leben, das
ich leb, ist sein Geschenk.

Nathan.       Durch das er mir
Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
Hat alles zwischen uns verändert; hat
Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,
Und kaum, kann ich es nun erwarten, was
Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin
Bereit zu allem; bin bereit ihm zu
Gestehn, daß ich es Euertwegen bin.

Tempelherr.
Noch hab ich selber ihm nicht danken können:
Sooft ich auch ihm in den Weg getreten.
Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam
So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.
Wer weiß, ob er sich meiner gar erinnert.
Und dennoch muß er, einmal wenigstens,
Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal
Ganz zu entscheiden. Nicht genug, daß ich
Auf sein Geheiß noch bin, mit seinem Willen
Noch leb: ich muß nun auch von ihm erwarten,
Nach wessen Willen ich zu leben habe.

Nathan.
Nicht anders; um so mehr will ich nicht säumen. -
Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch
Zu kommen, Anlaß gibt. - Erlaubt, verzeiht -
Ich eile - Wenn, wenn aber sehn wir Euch
Bei uns?

Tempelherr.       Sobald ich darf.

Nathan.             Sobald Ihr wollt.

Tempelherr.
Noch heut.

Nathan.       Und Euer Name? - muß ich bitten.

Tempelherr.
Mein Name war - ist Curd von Stauffen. - Curd!

Nathan.
Von Stauffen? - Stauffen? - Stauffen?

Tempelherr.       Warum fällt
Euch das so auf?

Nathan.       Von Stauffen? - Des Geschlechts
Sind wohl noch mehrere ...

Tempelherr.       O ja! hier waren,
Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.
Mein Oheim selbst, - mein Vater will ich sagen,
Doch warum schärft sich Euer Blick auf mich
Je mehr und mehr?

Nathan.       O nichts! o nichts! Wie kann
Ich Euch zu sehn ermüden?

Tempelherr.       Drum verlaß
Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.
Ich fürcht ihn, Nathan. Laßt die Zeit allmählich,
Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.

(Er geht.)

Nathan(der ihm mit Erstaunen nachsieht).
»Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
Zu finden wünschte.« - Ist es doch, als ob
In meiner Seel' er lese! - Wahrlich ja;
Das könnt' auch mir begegnen. - Nicht allein
Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So,
Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf
Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen.
Wie solche tiefgeprägte Bilder doch
Zu Zeiten in uns schlafen können, bis
Ein Wort, ein Laut sie weckt. - Von Stauffen! -
Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen. -
Ich will das bald genauer wissen; bald.
Nur erst zum Saladin. - Doch wie? lauscht dort
Nicht Daja? - Nun so komm nur näher, Daja.

Achter Auftritt


Daja. Nathan.

Nathan.
Was gilt's? nun drückt's euch beiden schon das Herz,
Noch ganz was anders zu erfahren, als
Was Saladin mir will.

Daja.       Verdenkt Ihr's ihr?
Ihr fingt soeben an, vertraulicher
Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft
Uns von dem Fenster scheuchte.

Nathan.       Nun, so sag
Ihr nur, daß sie ihn jeden Augenblick
Erwarten darf.

Daja.       Gewiß? gewiß?

Nathan.             Ich kann
Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei
Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll
Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst
Soll seine Rechnung dabei finden. Nur
Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur
Erzähl und frage mit Bescheidenheit,
Mit Rückhalt ...

Daja.       Daß Ihr doch noch erst so was
Erinnern könnt! - Ich geh; geht Ihr nur auch.
Denn seht! ich glaube gar, da kömmt vom Sultan
Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch. (Geht ab.)
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