Die Entscheidung




Дата канвертавання22.04.2016
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Die Entscheidung
Das Telefon klingelte und sie nahm den Hörer ab. Es war Manfred. Er lachte etwas verlegen und wollte dann wissen: "Hast Du schon Pläne fürs Wochenende"? Alice holte tief Luft bevor sie antwortete: "Im Moment ist viel zu tun". Sie schwieg und wartete auf eine Reaktion, aber es regte sich nichts. Nach einer Weile erwiderte Manfred leise: "Du hast in letzter Zeit ständig etwas vor, was ist los mit Dir"? Alice fühlte sich unbehaglich. Warum wollte er nicht begreifen, dass es so nicht weiter gehen konnte? Sie räusperte sich, bevor sie erneut begann: "Ich habe schon einige Male versucht Dir zu erklären, woran es liegt. Aber Du läßt mich nicht ausreden, oder hörst mir nicht zu. Ich kann nicht auf dem Land leben. Wie oft soll' ich das noch sagen"? "Aber das ist doch Unsinn. Mit dem Auto ist man in einer Stunde in der Stadt", entgegnete er. Alice stöhnte genervt auf: "Genau das möchte ich nicht. Ich will spontan ausgehen können'". Manfred hüllte sich in Schweigen. Alice dachte angestrengt nach, wie sie diese sinnlose Diskus­sion beenden konnte. Doch mit einem Mal hörte sie nur noch einen langgezogenen Ton. Manf­red hatte wortlos aufgelegt. Sie war erstaunt und schimpfte leise vor sich hin: "Wenn Du es so haben willst, dann bitte". Plötzlich bemerkte sie den Wassertropfen auf der Zeitung, die über ihren Knien lag. Wischte mit der Hand den Tropfen weg und schluchzte leise. Noch mehr Trä­nen tropften auf das Papier. Wann gab er endlich Ruhe? Sie fühlte sich unter Druck gesetzt und auf sonderbare Weise müde. Ihre Wohnung seinetwegen aufgeben, was dachte sich dieser Mann? Sie, eine Stadtpflanze, die auf dem Land vermutlich schwermütig werden würde. Oder war sie nur störrisch? Gegen ihn und das gemeinsame Leben, das er vorschlug. Warum fühlte sie keine Leidenschaft? Bilder der Erfahrung tauchten wie Nebel aus dem Hintergrund ihrer Gedanken auf.

Sie hatte im Winter wie eine alte Eule am Fenster gesessen und in den Garten geschaut. Den Vögeln zugesehen, die in Scharen zum Futterhäuschen kamen. Sie beobachtete, wo das Rot­kelchen herum hüpfte und wann sich der winzige Zaunkönig ans Licht traute. Der Garten war auch in die Jahre gekommen. Wenn Alice durchs Haus lief, fiel ihr Blick aus jedem Fenster in ihr grünes Refugium. Sie blieb dann stehen, vergaß was sie gerade tun wollte und begann zu träumen. Wie lange war es her? Sie rechnete langsam und sagte dann halblaut: "Über vierzig Jahre habe ich getan, was getan werden mußte". Sie fuhr sich nervös mit den Händen durch die Haare und dachte dabei, daß der Instinkt der Vögel vermutlich besser zum Leben taugte, als ihr Verstand. War sie nach der Pensionierung in die Mauser gekommen? Sie fühlte sich mit einem Mal nackt und ging nach oben, um eine Jacke zu holen. Auf dem Weg zurück ins Erdge­schoß war sie nur einen winzigen Augenblick unaufmerksam. Dieser kurze Moment reichte aus. Sie kam ins Rutschen, konnte nirgendwo Halt finden und schlug mit dem Kopf im Fallen mehrmals gegen die Wand. Nachdem sie wieder zu sich kam, konnte sie sich an nichts erinnern. Sie lag am Fuß der Treppe, auf dem kalten Steinboden. Mit mechanischen Bewegungen tastete sie Arme und Beine ab. Es schien nichts gebrochen zu sein. Nur mit Mühe kam sie hoch und schleppte sich ins Wohnzimmer zur Couch. Etwas Warmes lief an ihrem Hals herunter. Sie griff danach und an ihrer Hand war Blut. ,,Auch das noch", murmelte sie. Der Weg ins Bad war länger und schwerer als sonst. Während sie in den Spiegel blickte, nahm sie ein Pflaster aus dem Schrank und klebte den Riss zu. Anschließend ging sie zurück ins Wohnzimmer und legte sich auf die Couch. Ihr Kopf schmerzte, aber er gab keine Ruhe und die Gedanken kreisten unentwegt.

Alice, eine sechzigjährige Frau, die am Morgen einem gleichaltrigen Mann einen Korb gegeben hatte. Das war nicht ihre Art, denn meist überlegte sie viel zu lange, bis sie anderen eine Bitte abschlug. Doch jetzt waren alle Arbeiten getan und sie mußte nur noch auf sich selbst Rücksicht nehmen. Noch einmal lag ein Stück unberührtes Leben vor ihr. Das Alter. Was immer das auch bedeutete. Diesmal wollte sie sich nichts erzählen, nichts raten und keine Angst mehr machen lassen.

Sie richtete sich auf und trank einen Schluck Wasser. Der einsetzende Schwindel zwang sie zurück in die Horizontale. Der Versuch, sich auf die Seite zu drehen, setzte das Karussell erneut in Bewegung. Erschöpft blieb sie auf dem Rücken liegen und fiel in einen leichten Schlaf. Sie wurde durch die Sonnenstrahlen wach, die durchs Fenster fielen. Der Gedanke an Manfred begann sie von neuem zu quälen. Es hatte ihr gefallen, daß wieder ein Mann nach ihr sah. Doch sein Eigensinn erschreckte sie. Alice hatte Angst, abermals vereinnahmt zu werden. Sie sehnte sich danach, endlich ihr Eigenes zu tun. Wo war die jugendliche Unbekümmertheit? Enttäuschungen lagen wie Patina über ihren Erinnerungen. Anscheinend war der Verlust von Illusionen eine der Begleiterscheinungen des Alters. Das Läuten der Glocke unterbrach ihre Gedanken. Sie rappelte sich vorsichtig auf und ging zur Tür. Als sie öffnete, stand Manfred vor ihr. Erschöpft brachte sie nur heraus: "Bitte geh, ich bin gefallen, lass mich in Ruhe". Dann warf sie ihm die Tür vor der Nase zu, ohne dass er etwas sagen konnte und war über sich selbst erschrocken. Als sie sich umdrehte, fiel ihr Blick in den Spiegel. Auf der Vorderseite ihres dun­kelblauen Pullovers befanden sich auf der Spitze stehende Karos. Ein bißchen schräg, so fühlte sie sich im Moment. Irgendwie erinnerte sie der Anblick an einen Clown. Die Welt drehte sich und Alice mußte sich einen Augenblick an der Flurgarderobe festhalten. Dann ging sie mit unsi­cheren Schritten zurück und ließ sich schwach in einen Sessel fallen. Lehnte den Kopf zurück, tastete über die Stirn und griff dann mit der Hand an die Brust. Sie fühlte ihr Herz schlagen. Ihre Hand glitt weiter bis zum Bauch und blieb dort liegen. Nichts konnte ihr mehr Angst ma­chen. Die Entscheidung war richtig.


Gitte Loew


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